Neben den Pendlern sind die Firmen die größten Leidtragenden des überlasteten Straßensystems. Das tägliche Verkehrschaos sorgt für einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Doch genaue Werte sind kaum zu ermitteln.

Das tägliche Verkehrschaos sorgt für einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Doch genaue Werte sind kaum zu ermitteln.
Alltag auf der A 3 bei Köln: Der Streckenabschnitt ist nach Angaben des Verkehrsdaten-Spezialisten Inrix die verkehrsreichste Straße Deutschlands.

Alltag auf der A 3 bei Köln: Der Streckenabschnitt ist nach Angaben des Verkehrsdaten-Spezialisten Inrix die verkehrsreichste Straße Deutschlands.

dpa

Alltag auf der A 3 bei Köln: Der Streckenabschnitt ist nach Angaben des Verkehrsdaten-Spezialisten Inrix die verkehrsreichste Straße Deutschlands.

Düsseldorf. Zeit ist Geld. An kaum einer anderen Stelle wird das so deutlich wie im täglichen Verkehrsstau. Das überlastete Straßennetz in NRW ist eine gigantische Geldvernichtungsmaschine. Wie gigantisch, dazu kursieren viele Zahlen und unterschiedlichste Berechnungen. Manche davon mögen interessengeleitet sein, auch erklären sich zum Teil gravierende Unterschiede bei den Summen durch große Differenzen bei den Grundannahmen für die Berechnungen. Aber sicher ist trotzdem: Es handelt sich um enorme Summen.

Der Verkehrsforscher Michael Schreckenberg, von Hause aus Physiker, hat eine Modellrechnung angestellt. Danach verursacht schon allein ein vier Kilometer langer Stau auf einer zweispurigen Autobahn über einen Zeitraum von drei Stunden einen Schaden von 100 000 Euro. Für ganz Deutschland beziffert Schreckenberg den gesamtwirtschaftlichen Schaden durch Staus auf jährlich 100 Milliarden Euro. Niedriger kalkuliert der Verkehrsdaten-Spezialist Inrix in seiner Auswertung für 2016: Danach verursachten die Staus in Deutschland im vergangenen Jahr Gesamtkosten von 69 Milliarden Euro. Andere Zahlen sprechen dagegen nur von zehn bis 12,5 Milliarden.

Ein Grund für die großen Unterschiede liegt in den veranschlagten Zeitkostensätzen. In einer zusammenfassenden Studie über die Stausituation auf den Autobahnen in NRW im Auftrag des NRW-Verkehrsministeriums hat Prof. Justin Gestefeldt (Ruhr-Universität Bochum) schon 2011 darauf verwiesen, dass in einer Studie pro Stunde Zeitverlust ein Wert von gut 56 Euro angesetzt war, während eine andere Studie mit nur 20 Euro kalkulierte.

Jährlich 250 Millionen Euro Staukosten auf NRW-Autobahnen

Auch die Ermittlung der Zeitverluste selbst erfolgte nach unterschiedlich gewählten Geschwindigkeiten. Zudem variierten die angenommene Personenzahl pro Pkw und die Modellberechnung der Staustunden. Gestefeld kommt schließlich in seiner eigenen Studie, bezogen auf das Jahr 2010, zu dem Ergebnis, aus den staubedingten Zeitverlusten auf den Autobahnen in NRW ergäben sich „volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von 250 Millionen Euro pro Jahr“.

Neben solchen Versuchen, eine Gesamtsumme für Deutschland oder NRW zu ermitteln, gibt es zahlreiche Detailbetrachtungen. So wurde 2013 eine wissenschaftliche Studie vorgelegt, die eine „gesamtwirtschaftliche Bewertung der Sperrung der A1-Rheinbrücke für den Lkw-Verkehr“ vornimmt. Sie kommt zu dem Fazit: „Der volkswirtschaftliche Verlust durch eine Sperrung der A1-Rheinbrücke für Lkw liegt zwischen 0,5 und 1,2 Millionen Euro pro Tag, wenn eine vollständige Ausweichmöglichkeit auf andere Autobahnen besteht. Für den Fall, dass die Umwege teilweise über Bundes- und Landstraßen erfolgen müssen, ist mit einem deutlich höheren volkswirtschaftlichen Verlust zu rechnen. Für die A1-Rheinbrücke ergibt sich in diesem Fall ein täglicher Verlust in Höhe von 2,6 Millionen Euro.“

Am Mittwoch wird der Haushaltsplanentwurf 2018 im Verkehrsausschuss des Landtages beraten. Er sieht für das Verkehrsministerium ein Volumen von 2,76 Milliarden Euro vor (2017: 2,4 Milliarden Euro, bereinigt um die Veränderungen durch die Neuordnung der Ressorts). Im Verkehrshaushalt sind 109 zusätzliche Stellen vorgesehen. Davon sind 50 neue Stellen beim Landesbetrieb Straßen für Ingenieure und Techniker eingeplant, um die Planungskapazitäten zu erhöhen. Weitere 20 Stellen sollen entfristet werden. Darüber hinaus sind 13 neue Stellen bei den Bezirksregierungen für die Planfeststellung von Straßenbauprojekten vorgesehen. Im Ministerium wird eine neue Fachabteilung aufgebaut. Sie soll daran arbeiten, die Chancen der vernetzten Mobilität für NRW zu erschließen. Im Haushaltsentwurf sind für diese neue Abteilung insgesamt 34 Stellen eingeplant.

Für die planerische Umsetzung der neuen Maßnahmen im Rahmen des Bundesverkehrswegeplans ist zurzeit ein Masterplan in Arbeit, der zum Jahreswechsel veröffentlicht werden soll. Besonders große Baumaßnahmen im Bereich der Straßeninfrastruktur sind im kommenden Jahr: A 1 (Köln-Niehl – Autobahnkreuz Leverkusen-West einschließlich Rheinbrücke; Kosten: 740 Millionen Euro); A 43 (Bochum-Riemke – Recklinghausen/Herten; Kosten: 470 Millionen Euro).

Bis 2020 wird die Anzahl der verkehrslenkenden Anzeigetafeln auf 159 erhöht (aktuell: 87).

Weitere 33 Kilometer: A 3 (Autobahnkreuz Hilden – Mettmann; beide Fahrtrichtungen; anschließend Verlängerung bis Ratingen-Ost; 2. Quartal 2018); A 52 (Mönchengladbach-Nord – Autobahnkreuz Neersen; beide Fahrtrichtungen; 4. Quartal 2019).

Kein Wunder, dass man beim Dachverband Handwerk NRW klagt: „Köln und Düsseldorf sind für Fahrzeuge aller Art kaum mehr zu einem vorausberechenbaren Zeitpunkt zu erreichen.“ Die Handwerkskammer Köln hat in Sachen Verkehrschaos über eine Unternehmensumfrage eine Schadensschätzung ermittelt. Danach betrugen die verkehrsbedingten Umsatzverluste im Bezirk für das Jahr 2015 aufgrund von Konventionalstrafen, stornierten Aufträgen und vergraulten Kunden rund 240 Millionen Euro.

„Für die gesamte Metropolregion Köln/Düsseldorf dürfte dieser Wert doppelt so hoch liegen“, sagt Andreas Ehlert, Präsident von Handwerk NRW und der Handwerkskammer Düsseldorf. Eine seiner Forderungen: „Ein leistungsfähigerer ÖPNV würde die Straßen von jenem Teil des Individualverkehrs entlasten, der nicht entsprechende bindende Verpflichtungen zu erfüllen hat.“

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