Dieses Jahr gibt es 175000 Insolvenzfälle in Europa und 35000 in Deutschland.

Düsseldorf. Die Auswirkungen der Weltwirtschafts- und Finanzkrise treiben immer mehr europäische Unternehmen in die Pleite. Bereits 2008 ist es zu einer Trendwende gekommen: Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist europaweit kräftig um elf Prozent auf gut 150000 Fälle gestiegen, berichtete die Neusser Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Durch die Pleiten gingen 1,4 Millionen Arbeitsplätze verloren, 200000 mehr als im Jahr zuvor.

Lediglich in drei von 17 untersuchten Ländern (den EU-15 Staaten sowie Norwegen und die Schweiz) waren die Insolvenzzahlen 2008 nochmals rückläufig, und zwar in den Niederlanden, Luxemburg und der Schweiz. Dagegen schnellten die Pleiten in Spanien und Irland um mehr als das Doppelte nach oben. Die dramatische Entwicklung zeige laut Creditreform, dass die europäischen Staaten bereits 2008 voll vom globalen Wirtschaftsabschwung und den härteren Finanzierungsbedingungen erfasst worden sind.

Insolvenzen haben schnell auf den Einbruch reagiert

"Wir waren selbst überrascht, dass die Pleiten so schnell auf den Einbruch der Wirtschaft reagierten, lediglich mit einem Quartal Verzögerung", kommentierte Creditreform-Chef Helmut Rödl. Die große Welle erwarte er aber erst für dieses Jahr. Die Creditreform rechnet für 2009 mit bis zu 175000 Unternehmenspleiten und 325000 Verbraucher-Insolvenzen - insgesamt eine halbe Million Fälle für die Insolvenzgerichte in Europa. In den letzten zwei Jahren waren es 60000 weniger.

Nachdem die Pleitewelle Deutschland im vergangenen Jahr noch verschont hat, drohen im laufenden Jahr die Dämme zu brechen. 2008 mussten knapp 30000 deutsche Unternehmen den Gang zum Insolvenzrichter antreten, nur gut zwei Prozent mehr als 2007. In diesem Jahr rechnet Rödl mit bis zu 5000 Insolvenzfällen mehr. Dabei gehe der Trend zu Großpleiten - wie Hertie bereits Mitte 2008, die ersten Opfer der Autokrise bei den Zulieferern zum Jahresende sowie Märklin und Schiesser zu Anfang diesen Jahres.

Rödl begrüßte die zwei Konjunkturpakete, die die Bundesregierung angesichts des zu erwartenden Wachstumsminus von weit mehr als zwei Prozent beschlossen hat, um die Rezession in Deutschland abzumildern. Diese Maßnahmen dürften im Verlauf des Jahres Wirkung entfalten und den schlimmsten Absturz verhindern, glaubt die Creditreform. Auch unterstützten die Preissenkungen bei Energie und Kraftstoffen die private Nachfrage und wirkten wie ein zusätzliches Konjunkturprogramm.

Die ersten vier Hertie-Warenhäuser müssen morgen schließen: Das sind die Filialen in Essen-Altenessen, Essen-Borbeck, Duisburg-Walsum und Kassel. In Mölln, Niebüll und Hameln gibt es laut Insolvenzverwalter Biner Bähr einen Schlussverkauf "voraussichtlich bis Ende des Monats". Die Filialen Bocholt, Delmenhorst, Marl, Herne, Eschweiler, Aschaffenburg, Erkrath, Hamburg-Langenhorn, Herdecke, Lünen, Köln-Chorweiler und Mettmann sind voraussichtlich bis 7. März geöffnet.

Zu der Vereinbarung mit dem Betriebsrat, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen vor Eröffnung des Insolvenzverfahrens geben soll, teilte Hertie mit: "Für die Mitarbeiter in den Filialen, deren Geschäftsbetrieb eingestellt wird, bedeutet dies, dass sie bis auf weiteres zu den bisherigen Konditionen im Unternehmen beschäftigt bleiben." Ein Sozialplan soll "kurzfristig nach Insolvenzeröffnung" mit dem Gesamtbetriebsrat verhandelt werden. Hertie hatte Ende Juli 2008 Insolvenz angemeldet.

Nach einer Umfrage der Creditreform hat derzeit besonders die Exportwirtschaft zu leiden. Vier von zehn Befragten hätten spürbare Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf ihre Geschäfte festgestellt. Sechs von sieben Betrieben hätten auch über eine deutlich schlechtere Zahlungsmoral ihrer ausländischen Geschäftspartner geklagt. Am höchsten schätzen die Exporteure die Insolvenzrisiken für 2009 in Osteuropa ein, speziell im Baltikum.

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