Premier Erdogan verknüpft Energie-Kooperation mit Fortschritten bei Beitritts-Gesprächen.

Brüssel. Recep Tayyip Erdogan will die Gunst der Stunde nutzen: Während die Europäer fröstelnd nach Alternativen zum Gas aus Russland suchen, lässt der türkische Premier sehr unverblümt durchblicken, dass der Erfolg solcher Bemühungen auch von seinem Land abhänge. Die EU könne kaum auf Ankaras Wohlwollen beim Pipeline-Projekt Nabucco zählen, wenn sie bei der türkischen EU-Kandidatur nicht mehr Entgegenkommen an den Tag lege, mahnte Erdogan.

In der Pipeline Nabucco soll Gas über die Türkei nach Österreich strömen

Energiepolitik als Beitrittsbeschleuniger - mit dieser Strategie ist der Regierungschef zum erstenmal seit vier Jahren in die Europa-Hauptstadt Brüssel gereist. Dort tritt die türkische Bewerbung um Aufnahme in die EU auf der Stelle. Acht von 35 Verhandlungsbereichen hat die EU wegen der türkischen Zypern-Politik auf Eis gelegt.

Mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy sorgte im vergangenen Halbjahr ein grundsätzlicher Gegner der EU-Mitgliedschaft der Türken dafür, dass es nicht voran ging. Im Dezember blockierte die Regierung in Nikosia das Energie-Kapitel in den Verhandlungen.

So nicht, warnt nun Erdogan: "Wenn das Energiekapitel blockiert wird, werden wir unsere Position (zu Nabucco) überdenken." Gemeint ist das Vorhaben, durch eine 3300 Kilometer lange Pipeline zentralasiatisches Gas aus dem kaspischen Becken durch die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich zu pumpen.

Zwar ist noch nicht gesichert, wer die erhoffte Menge - über 30Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr - liefern kann. Die russisch-ukrainische Gaskrise dieses Winters hat aber das Thema "Unabhängigkeit von Russland" und damit Nabucco wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt.

Absage Anlässlich des Besuchs des türkischen Regierungschefs Erdogan in Brüssel hat sich EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering (CDU) gegen einen EU-Beitritt der Türkei ausgesprochen. Er vertrete die Meinung, dass "eine privilegierte Partnerschaft angemessener wäre als eine Vollmitgliedschaft", sagte Pöttering.

Besuch Premierminister Erdogan wird bei seinem Besuch in Brüssel neben Pöttering auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie den EU-Außenbeauftragten Javier Solana treffen. Ein Beitritt der Türkei zur EU ist unter den Mitgliedsländern weiter umstritten. Die im Oktober begonnen Beitrittsverhandlungen sind ins Stocken geraten.

Der türkische Premier unterstrich auch die Bedeutung seines Landes als Brücke in den Nahen Osten und die arabische Welt. Außerdem habe die Türkei beträchtliche Reformfortschritte gemacht und werde die Finanz- und Wirtschaftskrise besser überstehen als die meisten anderen Länder. Er hoffe, dass 2009 für die Türkei "einen großen Sprung nach vorn" bringe.

Die Türkei sei entschlossen, bei ihrem Reform- und Beitrittsprozess weitere Fortschritte zu machen. Er hoffe nun darauf, dass drei bis vier neue EU-Verhandlungskapitel während einer jeweils halbjährigen Ratspräsidentschaft eröffnet würden. Bisher seien es zwei Kapitel gewesen.

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