Der neue Chef Heinrich Hiesinger kündigt einen radikalen Wandel an.

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Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger: Bei den Übersee-Stahlwerken haben wir seit sieben Jahren mehr ausgegeben als hereingekommen ist.

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger: Bei den Übersee-Stahlwerken haben wir seit sieben Jahren mehr ausgegeben als hereingekommen ist.

dpa

Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger: Bei den Übersee-Stahlwerken haben wir seit sieben Jahren mehr ausgegeben als hereingekommen ist.

Essen. Es ist der Tag der Abrechnung nach Horror-Zahlen und einer Serie von Kartell- und Korruptionsfällen bei Thyssen-Krupp. Bei der Bilanzvorlage in Essen fordert Konzernchef Heinrich Hiesinger einen tiefgreifenden Wandel des Traditionskonzerns und prangert massives Führungsversagen an. „Ich werde hier nichts beschönigen, denn es ist offensichtlich, dass in der Vergangenheit sehr viel schief gelaufen ist“, sagte der erst seit Anfang 2011 amtierende Manager.

Ausmaß der Fehlinvestitionen ist „dramatisch“

Der größte deutsche Stahlkonzern muss wegen Fehlinvestitionen in Übersee einen Rekordverlust von fünf Milliarden Euro im Ende September abgelaufenen Geschäftsjahr verkraften. Hintergrund der tiefen Krise sind vor allem massive Verluste beim Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA. Auf die mittlerweile zum Verkauf stehenden Stahlwerke mussten weitere rund 3,6 Milliarden Euro abgeschrieben werden. Hiesinger nannte das Ausmaß der Fehlinvestitionen dramatisch. Seit sieben Jahren habe der Konzern mehr Geld ausgegeben als hereingekommen ist.

„Das Desaster bei ,Steel Americas’ hat uns gezeigt, dass unsere Führungskultur an vielen Stellen des Unternehmens versagt hat“, so Hiesinger. Seilschaften und blinde Loyalität seien bei Thyssen-Krupp oft wichtiger gewesen als unternehmerischer Erfolg. „Es wurde eine Kultur gepflegt, in der Abweichungen und Fehlentwicklungen lieber verschwiegen als korrigiert wurden.“ Zudem habe offenbar bei einigen die Ansicht vorgeherrscht, dass „Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht für alle gelten“, kritisierte Hiesinger.

„Wer dabei nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen“

Er gestand ein, dass er sich das Ausmaß der Probleme beim Amtsantritt Anfang 2011 nicht vorstellen konnte. Er war von Siemens geholt worden, um Thyssen-Krupp wieder wettbewerbsfähiger zu machen. „Ich gebe zu, dass mir damals nicht bewusst war, wie tiefgreifend dieser Veränderungsprozess sein würde. Wir mauscheln nicht, sondern bohren nach“, beschrieb der Manager den neuen Stil des Hauses.

Schonungslos will er vorgehen. „Wer dabei nicht mitzieht, hat bei uns nichts zu suchen“, erklärte der sonst zurückhaltend auftretende 52-Jährige. 50 Mitarbeiter hat er seit seinem Amtsantritt Anfang 2011 wegen unsauberer Geschäftspraktiken gefeuert. Hiesinger erklärte, bei Verstößen keine Toleranz zu zeigen, selbst wenn der Konzern anschließend vor Arbeitsgerichten verlieren sollte. „Dieses Signal ist entscheidend.“ Dies sei auch eine Lehre aus den Korruptionsfällen bei seinem früheren Arbeitgeber Siemens und ein wichtiges Signal an alle Beschäftigten.

Eine neue Unternehmenskultur für den Ruhr-Konzern

Hiesinger kündigte nach Fällen von unsauberen Geschäftspraktiken an, eine neue Unternehmenskultur etablieren zu wollen. Gleich reihenweise müssen nun Top-Manager ihren Hut nehmen: Der für gute Unternehmensführung (Compliance) zuständige Jürgen Claassen muss ebenso wie Technologie-Chef Olaf Berlien und Stahl-Chef Edwin Eichler zum Jahresende gehen.

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