Ruinierte Existenz: Die Reste der Gaststätte von Petra Hofmann am Steilufer von Zempin auf der Insel Usedom. Foto: Stefan Sauer
Ruinierte Existenz: Die Reste der Gaststätte von Petra Hofmann am Steilufer von Zempin auf der Insel Usedom. Foto: Stefan Sauer

Ruinierte Existenz: Die Reste der Gaststätte von Petra Hofmann am Steilufer von Zempin auf der Insel Usedom. Foto: Stefan Sauer

dpa

Ruinierte Existenz: Die Reste der Gaststätte von Petra Hofmann am Steilufer von Zempin auf der Insel Usedom. Foto: Stefan Sauer

Lübeck/Usedom (dpa) - Der Imbiss von Petra Hofmann sieht aus, als habe ein wütender Riese damit gespielt. Eine Wand ist weggerissen, das Haus am Steilhang von Usedom steht teilweise in der Luft.

«Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll», sagt sie fassungslos nach der heftigen Sturmflut, die ihr Leben veränderte. «Meine Existenz ist weg.» Seither ist die Gaststätte im Ferienort Zempin eine Ruine. Die Terrasse und das halbe Gebäude sind Beute der Naturgewalt geworden, die Küchenzeile und ein Herd stehen am Abgrund.

Eine verhängnisvolle Kombination ist es, die zur schwersten Sturmflut an der Ostsee seit 2006 führt: Zum einen wütet das Tief «Axel», zum anderen führt die Ostsee mehr Wasser als sonst, weil Westwinde große Massen aus der Nordsee hineingedrückt haben. Man kann vermutlich von Glück reden, dass in der Sturmnacht kein Mensch zu Schaden kommt.

Das Wasser steigt schneller und höher als erwartet, zum Beispiel in Lübeck: Die Trave rauscht mit ungewöhnlich viel Wasser am berühmten Holstentor vorbei. Der Fluss überspült die Uferstraßen. In einige Häuser dringt Wasser ein, obwohl die Türen abgeschottet sind.

Parkbänke saufen ab. Am Donnerstagmorgen tauchen sie langsam wieder auf. Diamant Thaçi hat alles aus einer Wohnung an der Obertrave mit Fotos dokumentiert. «Am Abend hatten wir schon ein bisschen Angst, als das Wasser kam», sagt Thaçi. «Das war kein gutes Gefühl, denn die Wassermassen waren gewaltig.» Sein Garten sei jetzt ein Schwimmbad.

Straßen werden überschwemmt, Autos überflutet, Dämme überspült. Vor allem die Ostseeinseln Usedom und Rügen werden in Mitleidenschaft gezogen. «Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist schlimmer als erwartet», sagt der Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim, kurz bevor das Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht.

Entlang der Ostseeküste am Vormittag dann die erst Schadensbilanz: Während die Städte recht glimpflich davon gekommen sind, sind die Verwüstungen an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern deutlicher.

Auf Rügen, am Strand von Binz und Prora, ist die Düne streckenweise in einer Tiefe von drei bis acht Metern abgebrochen. Strandaufgänge sind im größeren Umfang zerstört, wie der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider schildert. Auch die aus dem Loriot-Kinofilm «Pappa ante Portas» bekannte älteste Seebrücke Deutschlands im Seebad Ahlbeck auf Usedom nahm Schaden, sagt Bürgermeister Lars Petersen.

Die berühmten Kreidefelsen von Rügen haben dagegen die Sturmflut unversehrt überstanden. «Wir haben alles kontrolliert, es gibt keine Abbrüche», sagt Ingolf Stodian vom Nationalparkamt.

«Zum zweiten Mal in 35 Jahren war es so extrem», erzählt in Lübeck Klaus Siebert, der an der Obertrave einen Friseursalon hat. Kniehoch war das Wasser ans Haus geschwappt, am feuchten Backstein sieht man es. Schäden gibt es nicht. «Das Haus ist so gebaut, dass es überflutungssicher sein soll. Aber das Schlimme ist, man weiß nie, wann Schluss ist.» Ganz in der Nähe zeigt ein Schild die Hochwasserlinie vom 13. November 1872. Sie erinnert in Augenhöhe an die Katastrophe, von der auch Lübeck diesmal weit weg ist. Käme das Wasser doch einmal wieder so hoch, stünde es an Sieberts Salon in halber Fensterhöhe. «Dann bleibt nur noch hinten rausschwimmen.»

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