In einer langen Schlange warten Bedürftige in der Tafel der Stephanusgemeinde in Wiesbaden auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Foto: Boris Roessler/Symbolbild
In einer langen Schlange warten Bedürftige in der Tafel der Stephanusgemeinde in Wiesbaden auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Foto: Boris Roessler/Symbolbild

In einer langen Schlange warten Bedürftige in der Tafel der Stephanusgemeinde in Wiesbaden auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Foto: Boris Roessler/Symbolbild

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In einer langen Schlange warten Bedürftige in der Tafel der Stephanusgemeinde in Wiesbaden auf die Ausgabe von Lebensmitteln. Foto: Boris Roessler/Symbolbild

Berlin (dpa) - Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband ist die Sache klar. «Die Armut stieg fast flächendeckend», sagt Geschäftsführer Ulrich Schneider bei der Vorlage des neuen Armutsberichts seiner Organisation. Ein Überblick über die Befunde, Hintergründe und Kritik:

Was sind die zentralen Erkenntnisse des neuen Armutsberichts?

In der Mehrheit der Bundesländer sei die Armut in Deutschland zuletzt - im Jahr 2015 - angestiegen. Mit einem Anteil von 15,7 Prozent habe es im Verhältnis zur Bevölkerung seit der Wiedervereinigung nie soviele Arme gegeben - 12,9 Millionen Menschen. Im Westen Deutschlands sind mehr Menschen betroffen als vor zehn Jahren, im Osten ist die Quote gesunken. Alleinerziehende, Arbeitslose, Ausländer, Kinderreiche, Minderjährige und Senioren sind besonders von Armut betroffen.

Auf welche Quellen stützt sich der Wohlfahrtsverband?

Auf die Ergebnisse der jährlichen Volksbefragung Mikrozensus des Statistischen Bundesamts, veröffentlicht im vergangenen September. Von Armut bedroht gilt nach dieser Statistik, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im Bundesdurchschnitt zur Verfügung hat. Allerdings: Die Statistiker sprechen von Armutsgefährdung, der Wohlfahrtsverband von Armut. Tatsächlich zeigt der Wert vor allem die Einkommensspreizung in Land.

Ist die Armut tatsächlich gestiegen?

Das hängt von der Sichtweise ab. Verbandsgeschäftsführer Schneider sagt: «Armut beginnt nicht erst dann, wenn Menschen verelenden.» Sie beginne, wenn Menschen nicht an den «ganz normalen Lebensvollzügen dieser Gesellschaft» teilhaben könnten. Deswegen sei die 60-Prozent-Definition richtig - Armut sei also gestiegen. Kritiker halten dagegen. Armut müsse an Notlagen festgemacht werden, sagt der Dortmunder Ökonom Walter Krämer. So gesehen sinke sie seit Jahren. Caritas-Generalsekretär Georg Cremer argumentierte schon 2015, mit gewachsenem Wohlstand könnten sich die Menschen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auch mehr leisten.

Welche Armutsdefinition gibt es noch?

Während in Industriestaaten in aller Regel Armut im Verhältnis zum Einkommen der anderen gemessen wird, wird in Entwicklungsländern auch oft absolute Armut mit einem bestimmten, niedrigen Einkommen erhoben. In der EU hat sich die Messung materieller Entbehrung etabliert: Wer sich vier von neun Ausgabenposten - von angemessener Heizung der Wohnung bis zum Telefon - nicht leisten kann, gilt als materiell abgehängt. 2015 waren demnach 5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von erheblicher materieller Entbehrung betroffen, der Wert schwankte seit 2010 zwischen 4,7 und 5,6 Prozent. Der EU-Durchschnitt: 10,5 Prozent 2015.

Wie haben sich die Aufstiegschancen der Ärmeren entwickelt?

Sie sind in den vergangenen Jahren kleiner geworden. Jeder Zweite, der 2009 gemessen am 60-Prozent-Kriterium arm war, war dies auch 2013, so eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Rund 36 Prozent schafften es in die untere Mitte, 13 Prozent weiter nach oben. Rund 20 Jahre zuvor, im Vergleich von 1991 zu 1995, lag der Anteil der Aufsteiger in die untere Mitte mit 47 Prozent noch deutlich darüber. Bei den Angehörigen der oberen Mitte blieb die Lage für rund 57 Prozent binnen fünf Jahren zuletzt konstant. 24 Prozent sackten ab, 20 Prozent gelang ein weiterer Aufstieg.

Wie wirkt sich Armut auf die Gesundheit aus?

Sozial schlechter gestellte Menschen sind von fast allen Krankheiten häufiger betroffen, besonders von schweren wie Diabetes, Herzinfarkt, vielen Krebsarten, wie Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut dem Radioprogramm SWR Aktuell sagte. Das Risiko für
Krankheiten aller Art sei bei ärmeren Menschen zwei bis drei Mal
höher. Gründe seien oft schlechtere Ernährung, weniger Bewegung und weniger Vorsorge bei Menschen mit geringerem Einkommen. Dabei werde der Keim für chronische Krankheiten in der Kindheit gelegt.

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