Berlin (dpa) - Für viele fühlt es sich an, als habe eine neue Zeitrechnung begonnen.

«Ich erinnere mich an die Zeit, als man ins Ausland reisen konnte, ohne sich dafür schämen zu müssen, ein Amerikaner in der Ära Trump zu sein», schreibt ein Twitter-Nutzer mit Blick auf das Einreiseverbot der USA gegen Flüchtlinge und sieben überwiegend muslimische Länder, das wohl auch Zehntausende Doppelstaatler in Deutschland trifft. Anhänger des US-Präsidenten weltweit sehen in dem Dekret ebenfalls den Anbruch einer neuen Ära - doch ihre Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein. Ein globaler Streit ist entflammt, und jede Branche ist beteiligt.

Donald Trumps Unterstützer im Netz feiern die Grenzschließung als Schutz vor Terror und fremden Kulturen, einige fordern sogar eine Ausdehnung auf weitere Länder. «Ich schließe jede Nacht meine Tür ab. Ich schließe sie nicht ab, weil ich die Menschen draußen «hasse». Ich schließe sie ab, weil ich die Menschen drinnen liebe», argumentiert eine Frau auf Trumps Facebookseite. 120 000 Menschen gefällt das.

Auf dem politischen Parkett überwiegt dagegen die Kritik. Kanzlerin Angela Merkel sagt, auch der Kampf gegen den Terror rechtfertige in keiner Weise einen Generalverdacht gegen Menschen anderen Glaubens. Frankreichs Präsident François Hollande hatte Trump zuvor schon dazu aufgerufen, das demokratische Grundprinzip der Aufnahme von Flüchtlingen zu achten. Zuspruch erhält der US-Präsident dafür von Rechtspopulisten wie dem Niederländer Geert Wilders, der sagt: «Das ist die einzige Art, sicher und frei zu bleiben.»

Einige von dem Bann betroffene Staaten vergelten bereits Gleiches mit Gleichem: Der Iran stellt nach eigenen Angaben derzeit keine Visa für US-Bürger mehr aus. Auch das irakische Parlament schlug am Montag ein Einreiseverbot vor. Eine Petition aus Großbritannien mit mehr als einer Million Unterschriften fordert zudem, Trump zwar auf die Insel zu lassen, ihm aber keinen offiziellen Staatsempfang zu gewähren.

Auch mehrere US-Unternehmen stellen sich offen gegen Trumps Kurs der Abschottung. So hat Google mehr als 100 Mitarbeiter aus dem Ausland zurückbeordert, aus Sorge, ihnen könnte die Rückreise später verweigert werden. «Es ist schmerzlich zu sehen, wie sich diese Anordnung persönlich auf unsere Kollegen auswirkt», sagt Google-Chef Sundar Pichai. Das Wohnungsportal Airbnb startete eine Aktion, mit der Flüchtlingen und von den USA abgewiesenen Reisenden kostenloser Wohnraum vermittelt werden soll. Die Cafékette Starbucks kündigte demonstrativ an, in den nächsten fünf Jahren 10 000 Flüchtlinge einzustellen.

Für eines der Trump-Unternehmen, Trump Hotels, wird derweil eine PR-Aktion von 2011 zum Bumerang. Auf Twitter hatte die Firma damals ihre Kunden nach ihren schönsten Reiseerinnerungen gefragt. Statt von Urlauben zu schwärmen, werden dort nun aber berührende Geschichten von Flucht und Gastfreundschaft erzählt. «Meine ist die Geschichte meiner Mutter, die Nazideutschland mit dem Zug nach Brüssel verließ und sich dort versteckte, bis sie sich als Flüchtling in die USA retten konnte», schreibt eine Nutzerin.

Persönliche Einblicke gewähren auch einige Sportstars. Während sich der in Somalia geborene Läufer Mo Farah erleichtert zeigte, dass er als Brite nun doch weiterhin zu seiner Familie in den USA reisen dürfe, bezeichnete sich der Basketballtrainer Steve Kerr als «Terroropfer». Kerrs Vater war im Libanon ermordet worden. Dennoch warnt der Coach der Golden State Warriors: «Wenn wir versuchen, Terrorismus zu bekämpfen, indem wir Menschen daran hindern, in dieses Land zu reisen, (...) und Angst erzeugen, ist das der falsche Weg.»

Schon jetzt ist zudem klar, dass es bei der Oscar-Verleihung Ende Februar um mehr als Filme und Abendkleider gehen wird. Die Oscar-Akademie teilte mit, sie sei wegen des Einreiseverbots «extrem besorgt» - und das aus gutem Grund: Der iranische Regisseur Asghar Farhadi und die Schauspielerin Taraneh Alidoosti, die mit «The Salesman» für den besten ausländischen Film nominiert sind, sagten ihre Teilnahme an der Gala bereits ab. Alidoosti nannte das US-Dekret «diskriminierend, rassistisch und daher inakzeptabel».

Noch deutlicher wurde Popstar Rihanna. Sie bezeichnete Trump indirekt als «unmoralisches Schwein» und urteilte: «Amerika wird vor unseren Augen zugrunde gerichtet.»

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