Fashion-Statment: Ein Wähler (l) kleidet sich britisch, ein anderer schottisch. Foto: Robert Perry
Fashion-Statment: Ein Wähler (l) kleidet sich britisch, ein anderer schottisch. Foto: Robert Perry

Fashion-Statment: Ein Wähler (l) kleidet sich britisch, ein anderer schottisch. Foto: Robert Perry

dpa

Fashion-Statment: Ein Wähler (l) kleidet sich britisch, ein anderer schottisch. Foto: Robert Perry

Edinburgh (dpa) - Der Morgennebel hängt noch schwer über Edinburgh, da strömen die Menschen in Schottlands Hauptstadt schon in die Wahllokale. Geschäftsleute und Rentner, junge Paare und ganze Familien sagen «Yes» oder «No» auf die Frage, ob Schottland ein unabhängiger Staat werden soll.

Es wäre das Ende einer mehr als 300 Jahre alten Union mit England. Wie ernst sie diese Entscheidung nehmen, ist den Schotten in die angespannten Gesichter geschrieben.

«Es ist absolut historisch. Das ist die größte Entscheidung für Generationen», sagt der Mann im Anzug, auf der Aktentasche leuchtet ein blau-weißer «Yes»-Aufkleber. «Das ist vielleicht der wichtigste Moment im Leben», sagt eine Mutter, schaut ihre beiden Söhne im Teenager-Alter streng an und klebt ihnen lila «No»-Sticker auf die Jacken. «Ich hoffe, ihr habt richtig gewählt?»

Erstmals in der britischen Geschichte sind Jugendliche ab 16 stimmberechtigt. Regierungschef Alex Salmond erhoffte sich davon Stimmen für den Neuanfang. Großbritanniens bekanntester Meinungsforscher Peter Kellner von YouGov glaubte vergangene Woche zwar nicht, dass die Jugendlichen einen maßgeblichen Unterschied machen würden. Aber dass sie sich in die Debatte einmischten und für ihre Meinung auf die Straße gingen, begeistert Politiker wie Politologen: von Politikverdrossenheit keine Spur.

Nicht nur die junge Generation, das ganze Land hat in den vergangenen Monaten eine wohl beispiellose Politisierung erfahren. Dass sich 97 Prozent der 4,4 Millionen Wahlberechtigten registrieren ließen, beweist das in Zahlen. Dass auf der Straße und im Pub jeder die Pro- und Kontra-Argumente herunterbeten und seinen Standpunkt dazu erklären kann, unterscheidet sich angenehm vom ratlosen Schulterzucken vor Parlamentswahlen.

2011, als die Nationalpartei die absolute Mehrheit in Schottland gewann und das Referendum auf den Weg brachte, hatte die Wahlbeteiligung bei nur 50,4 Prozent gelegen. Jetzt ließ sich Alex Salmond bei der Stimmabgabe im Nordosten des Landes demonstrativ mit einer 28-Jährigen fotografieren, die erstmals in ihrem Leben zur Wahl gegangen war.

Den Schotten ist klar, dass buchstäblich jede Stimme zählt - die Umfragen waren bis in die Nacht vor der Abstimmung zu ausgeglichen, um ein Ergebnis vorherzusagen. Buchstäblich bis zur letzten Minute sind deshalb Tausende Anhänger beider Lager bemüht, die weniger Unentschlossenen auf ihre Seite zu ziehen.

Dazwischen demonstrieren in Edinburgh, wo sich der Nebel den ganzen Tag nicht recht verziehen mag, Katalanen gegen die spanische Regierung. «Wir Katalanen wollen auch abstimmen, ... aber Spanien lässt uns nicht», steht auf einem Banner. Premierminister David Cameron mag sich in den vergangenen Tagen manchmal heimlich gewünscht haben, er hätte wie Madrid einfach kein Referendum anerkannt.

Dass so gut wie jeder im Land eine Meinung zur Unabhängigkeit hat, macht vielen auch Sorgen: «Das Referendum gibt nicht nur Macht, es spaltet auch. Diese Spaltung könnte sogar das länger vorhaltende Vermächtnis sein», schreibt Martin Kettle im «Guardian».

Alex Salmond hat deshalb schon oft die Einheit des Landes beschworen: Ab Freitag gebe es nur noch «Team Scotland». Die Kirche rief Unionisten und die Unabhängigkeitsbewegung auf, gemeinsam Harmonie zu schaffen nach dem Votum. Auch Versöhnungsgottesdienste sind geplant. Ob sie notwendig werden, war am Donnerstag erst mal nicht abzusehen. Nennenswerte Zwischenfälle gab es bis zum Abend keine, stattdessen saßen in einigen Pubs der Hauptstadt «Yes»- und «No»-Anhänger einträchtig beim Feierabend-Pint zusammen.

John McCafferty findet es ganz in Ordnung, dass in Schottland so leidenschaftlich über die Zukunft gestritten wird: «Das ist sehr gesund.» Der Mittvierziger trägt einen «Yes»-Aufkleber auf der Brust, könnte sich aber auch mit einer Niederlage abfinden. «Es wäre doch nicht gut, wenn alle hier die gleiche Meinung hätten.»

Nicht alle sehen das so entspannt: «Das wird unseren Sinn für Demokratie auf die Probe stellen», sagt John Knox, 64, der vor einem Wahllokal im Süden Edinburghs «No»-Sticker austeilt. «Eine Seite wird schwer schlucken müssen.» Neben ihm steht Jeanette Campbell, 45, in der Hand hat sie einen Stapel «Yes»-Aufkleber. «Die Seite, die verliert, weiß, dass es ganz knapp war», sagt sie und wechselt einen besorgten Blick mit Knox aus dem gegnerischen Lager. «Wir müssen eben aufstehen morgen und das Beste draus machen, egal, was rauskommt.»

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