Uli Hoeneß
Bayern-Präsident Uli Hoeneß beim Bankett nach dem Gewinn der Club-WM in Marrakesch. Foto: David Ebener/Archiv

Bayern-Präsident Uli Hoeneß beim Bankett nach dem Gewinn der Club-WM in Marrakesch. Foto: David Ebener/Archiv

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Bayern-Präsident Uli Hoeneß beim Bankett nach dem Gewinn der Club-WM in Marrakesch. Foto: David Ebener/Archiv

München (dpa) - Er wollte bedingungslos aufklären, reinen Tisch machen. Doch das ist gründlich missglückt. Am zweiten Prozesstag führt eine Rosenheimer Steuerfahnderin die Verteidigungsstrategie von Uli Hoeneß endgültig ad absurdum. Mindestens 27 Millionen Euro soll er hinterzogen haben.

Wenn Uli Hoeneß im Saal 134 des Münchner Justizpalastes nach oben schaut, kann er auf ein Flammenschwert blicken, auf einen Pflug und Steine. Sie «symbolisieren die Vertreibung aus dem Paradies», heißt es in einer ausliegenden Erklärung zu dem 1959 gestalteten Saal. Das passt zum Prozess gegen den Präsidenten des FC Bayern München. Für den Fußball-Funktionär, der seinen Verein zum erfolgreichsten in Europa gemacht, selbst Millionen verdient hat und von den Reichen und Mächtigen hofiert wurde, könnte es bald heißen: Raus aus dem Garten Eden.

Wenn Politiker nun seinen Rücktritt als Bayern-Präsident und Aufsichtsratschef fordern, ist das noch das geringste Problem für Hoeneß. Experten sehen ihn schon an Tag zwei seines Steuerprozesses mit mehr als einem Bein im Gefängnis.

Was in seinem Steuerprozess bislang schon ans Tageslicht gekommen ist, macht ein mildes Urteil immer unwahrscheinlicher. Erst räumte der Bayern-Boss zum Prozessauftakt ein, 18,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen zu haben - fünfmal soviel wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Und einen Tag später wurde selbst diese große Summe noch einmal gesprengt. Nach Ansicht einer Rosenheimer Steuerfahnderin hat Hoeneß noch viel mehr Steuern hinterzogen - mindestens 27,2 Millionen Euro.

Um so viel Geld ging es in einem Steuerprozess eines Prominenten vor einem deutschen Gericht wohl noch nie. Der für seine Genauigkeit bekannte Vorsitzende Richter Rupert Heindl kann sich ein Lächeln kaum verkneifen, als er den Staatsanwalt fragt, ob man sich angesichts dieser Summe wirklich noch detailliert mit irgendwelchen Verlustvorträgen auseinandersetzen muss.

Der Prozess scheint Uli Hoeneß und seinen drei Verteidigern mehr und mehr zu entgleiten. Dabei war er am Montag angetreten als geläuterter Sünder, demütig und um Aufklärung bemüht. Die Verteidigungsstrategie war eindeutig: offenes Visier, absolute Transparenz.

«Mir ist klar, dass mir nur absolute Steuerehrlichkeit hilft», las er zu Prozessbeginn vor. «Mein Fehlverhalten bedauere ich zutiefst. Sämtliche Steuern werde ich natürlich zahlen. Ich werde alles dafür tun, dass dieses für mich bedrückende Kapitel abgeschlossen wird.» Seitdem klar ist, dass er dem Finanzamt wohl mindestens neun Millionen Euro mehr schuldet als noch am Tag zuvor von ihm selbst eingeräumt, klingen die Sätze wie Worthülsen.

Schon im vergangenen Jahr hatte er alles getan, sich als reumütig darzustellen. Bei der Hauptversammlung seines FC Bayern im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte und einem Höllenjahr für Hoeneß selbst weinte er bittere Tränen. Und immer wieder betonte er, was er und seine Familie durchmachen. Er suchte nach einem Maulwurf in den Finanzbehörden und stellte Anzeige gegen Unbekannt. Gegen ein Magazin kündigte er wegen dessen Berichterstattung über den Fall eine Verleumdungsklage an und sprach von «Wahnsinn».

Nach der Aussage einer Rosenheimer Steuerfahnderin scheint nun klar: zumindest zeitweise hatte Hoeneß in einem Depot mehr als 140 Millionen Euro. Doch dann muss er sich verzockt haben. «Ende 2010 ist nicht mehr sehr viel von den Gewinnen da», schildert die Beamtin vor Gericht. «Was leider an der Steuer nichts ändert.»

Womöglich hat Hoeneß sich jetzt noch einmal verzockt. Er reichte wichtige Dokumente erst spät nach, die wohl schon am 18. Januar 2013 erstellt wurden - vor mehr als einem Jahr. Fristen, weitere Unterlagen zu seiner wohl mehr als unvollständigen Selbstanzeige einzureichen, ließ Hoeneß nach Gerichtsangaben immer wieder verstreichen.

Als die Rosenheimer Beamtin ihre Aussage, die Hoeneß derart in Bedrängnis bringt, beendet, sieht der Präsident mitgenommen aus - puterrot und zugleich merkwürdig blass. Als habe er Fieber. Seine Kiefer mahlen. Und seine Anwälte sind beinahe sprachlos. Nur zwei Fragen hat der renommierte Steueranwalt Hanns W. Feigen an die Frau. Eine davon: Ob sie je erlebt habe, dass die Besprechung zu einem Steuerfall mit zwei Oberstaatsanwälten, Behördenleitern und Beamten derart hochkarätig besetzt ist. «Nein», sagt die Steuerfahnderin. «Ich auch nicht», sagt Feigen. Er zielt wohl auf den Promi-Malus, den Hoeneß selbst gern ins Gespräch bringt. Nach dem Verlauf der ersten Verhandlungstage aber wirkt Feigens Frage wie eine Verzweiflungstat.

Womöglich könnte doch schon am Donnerstag das Urteil fallen, bei dem Hoeneß dank der spektakulären Enthüllungen nach Expertenansicht immer weniger auf Milde hoffen kann. Am Dienstag nach dem turbulenten Prozesstag schaute sich der Präsident trotz seiner bedrohlichen Lage das Champions-League-Spiel seines FC Bayern gegen den FC Arsenal in der Allianz Arena an. Wenn es schlecht für ihn läuft, könnte es das vorerst letzte Mal gewesen sein. «Hoeneß war auf dem Weg sich in eine Moralinstanz des Landes zu verwandeln», schreibt die spanische Wochenzeitung «El Pais» zum Fall des Uli Hoeneß. «Aber das Leben hat viele Facetten.»

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