Trauer und Verzweiflung
Trauer und Verzweiflung in Soma. Es gibt kaum noch Chancen auf Überlebende. Foto: Tolga Bozoglu

Trauer und Verzweiflung in Soma. Es gibt kaum noch Chancen auf Überlebende. Foto: Tolga Bozoglu

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Trauer und Verzweiflung in Soma. Es gibt kaum noch Chancen auf Überlebende. Foto: Tolga Bozoglu

Soma (dpa) - Die Helfer mit ihren müden, dreckigen Gesichtern öffnen die grauen Metalltore, die zu der Unglückszeche im westtürkischen Soma führen. Die umstehende Menge stöhnt kollektiv auf, manche Menschen sind sichtbar darum bemüht, ihre Tränen zurückzuhalten.

Sie wissen, dass wieder die Leiche eines Kumpels aus der Tiefe des Bergwerks an die Oberfläche gebracht wird - und dass eine weitere Familie ihren Ernährer verloren hat. Jedes Mal, wenn sich die Metalltore am Mittwochabend öffnen, dringt furchtbarer Brandgeruch aus dem Bergwerk, das für Hunderte Kumpel zur Todesfalle wurde.

Die Leiche wird auf einer Trage herausgebracht, das Gesicht des Bergarbeiters ist verbrannt. Trotzdem sind die frischen Schnitte an seinen Wangen noch deutlich zu erkennen. Die Umstehenden spähen über die Absperrungen, um zu sehen, ob sie den Toten kennen. Der 38-jährige Sadar hat mit seinen Freunden seit Dienstagnacht ausgeharrt, er hatte Verwandte und Freunde, die in der Zeche arbeiteten. «Wir sind seit vielen Stunden hier», sagt er. Mit Blick auf die Toten fügt er hinzu: «Das sind unsere Brüder.»

Sadars Freunde nicken. Einer davon namens Ahmet trägt einen grünen Pullover, der voller Kohlenstaub und Schweiß ist. Er versucht sich an einem Witz, um die düstere Stimmung aufzuheitern. Auf halber Strecke gibt er auf und schaut zu Boden. In der Nähe steht ein Armeeoffizier, der bei der Beaufsichtigung der Bergungsarbeiten hilft. Als die Leiche an ihm vorbeigetragen wird, zupft er an seinem blauen Barett, putzt seine Nase und wischt sich eine Träne von der Wange. Dann streckt er den Rücken durch und arbeitet weiter.

Ein neues Team bereitet sich darauf vor, in die Tiefe zu gehen und die Helfer abzulösen, die die Leiche hinaustrugen. Der verstorbene Kumpel ist einer von mindestens 245 Toten, die die Regierung bis zum Abend verkündet. Die Katastrophe ist das weltweit schwerste Grubenunglück seit mehr als zwei Jahrzehnten. Wenn die Opferzahl weiter steigt, könnte es das schlimmste Grubenunglück in der Geschichte der Türkei werden. Rund 120 vermisste Kumpel sind noch unter Tage, es gibt kaum noch Chancen, sie lebend zu bergen.

Trotzdem gegen die Angehörigen die Hoffnung nicht auf. An der Seite eines Krankenwagens sind Listen angebracht mit den Namen von Arbeitern, die identifiziert wurden. Dort sind die Toten verzeichnet, die Überlebenden und diejenigen, die im Krankenhaus sind. Frauen in Kleidern suchen auf den Listen nach den Namen ihrer Ehemänner, Männer mit Helmen und Overalls suchen nach Freunden und Kollegen.

Auch die 46-jährige Hatice wartet verzweifelt auf Nachrichten von ihrem Ehemann. Sie sagt, seit dem Unglück am Dienstag habe sie nicht mehr geschlafen. «Ich gehe hier nicht weg, bevor ich meinen Mann gefunden habe. Ich hoffe, dass ein Wunder geschieht und er noch lebendig geborgen wird.» Dann fügt sie hinzu: «Aber ich befürchte, dass er tot ist und dass ich mit dem Schlimmsten rechnen muss.»

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