Edinburgh (dpa) - Monatelang haben sie gestritten in Schottland. Über Renten und Öl, Whisky-Export und Arztkosten, Atomwaffen und nationale Identität. Als nach einer langen Nacht des Bangens und Hoffens endlich feststeht, wie es weitergeht, scheint das ganze Land aufzuatmen.

Das Abenteuer Unabhängigkeit fällt aus, das Volk hat entschieden, jetzt sind erst mal wieder die Politiker am Zug.

«Ich bin einfach froh, dass es vorbei ist», sagt Logan, ein Pint Bier in der Hand. «Meine drei besten Kumpel haben dafür gestimmt. Ich halte sie für Idioten, aber das ist ja jetzt auch egal.» Die Angst, dass das Land im Norden Großbritanniens jetzt tief gespalten sein könnte, treibt Kommentatoren schon lange um. Die Frage nach «Yes» oder «No» teilte Regionen, Dörfer und Familien.

Die Szenen in der Hauptstadt Edinburgh am Tag nach der Abstimmung sprechen aber nicht dafür, dass die Lager sich nun unversöhnlich gegenüberstehen. Vereinzelt fließen zwar Tränen und verschmieren ins Gesicht geschminkte, blau-weiße Schottland-Fahnen. Doch die Mehrheit der Enttäuschten trägt die Niederlage mit Fassung - und die Sieger beweisen Sportsgeist und verzichten auf Schadenfreude. Die Abstimmung und das nächtliche Warten auf Ergebnisse in den Pubs und auf Wahlpartys liefen friedlicher ab als die meisten Fußballspiele.

«Ich bin sehr froh. Ich bin Engländerin und absolut überzeugt davon, dass wir alle zusammen bleiben sollen», sagt Elizabeth Harris, die in Edinburgh studiert. Die 19-Jährige hat die Nacht im Pub durchgemacht. Im Arm hält sie ihre Kommilitonen Freya Muir, die mit «Ja» gestimmt hat. «Irgendwie bin ich auch erleichtert», sagt Freya verlegen. «Ich hätte es spannend gefunden, unabhängig zu werden. Aber es sieht so aus, als sei die Mehrheit vernünftig gewesen gestern.» Ein Mann mit Vollbart hört es im Vorbeigehen und nickt: «Geht mir auch so.»

Ein paar Straßen weiter macht eine Gruppe junger Männer mit «Yes»-Ansteckern auf den Regenjacken lange Gesichter. Sie seien enttäuscht und müde. Auch wütend? «Nein, warum das denn?», fragt einer. Wie viele enttäuschte Schotten wollen sie nun ein bisschen den Alltag genießen und innerhalb der Union an einer besseren Zukunft arbeiten.

Das Referendum hätte klargemacht, dass viele Bürger nicht glücklich sind mit der Regierung in London, findet Dermot Barr, der «Yes»-Aufkleber sogar im Gesicht kleben hat und eine blau-weiße Schottland-Fahne über den Schultern trägt. «Alle müssen jetzt den Hintern hochkriegen und das ändern», fordert der 30-Jährige.

Auch Lucas McGregor von der Schottischen Nationalpartei schaut tapfer nach vorn. Der 21-Jährige hat in den vergangenen Wochen jede freie Minute in den Wahlkmapf gesteckt. Trotz der Niederlage nicht ganz umsonst, wie er findet: «Wir haben eine Bewegung angestoßen, das geht jetzt erst richtig los.» Wird es noch ein Referendum geben? «Kommt darauf an, was passiert.» Die vielen politischen Debatten hätten dem Land auf jeden Fall gut getan. «Ich habe mich meinen Landsleuten noch nie so nah gefühlt. Ganz egal, wie sie abgestimmt haben.»

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