Einschusslöcher
Einschusslöcher in der Frontscheibe des Kulturcafés in Kopenhagen. Foto: EPA

Einschusslöcher in der Frontscheibe des Kulturcafés in Kopenhagen. Foto: EPA

dpa

Einschusslöcher in der Frontscheibe des Kulturcafés in Kopenhagen. Foto: EPA

Kopenhagen (dpa) - Rund fünf Wochen nach den islamistischen Attentaten von Paris hat der Terror erneut eine europäische Hauptstadt getroffen. Innerhalb von zehn Stunden erschoss ein Mann in Kopenhagen einen Filmemacher während einer Diskussion über Meinungsfreiheit und einen jüdischen Wachmann vor einer Synagoge.

Fünf Polizisten wurden verletzt. Eine dramatische Großfahndung endete am frühen Sonntagmorgen mit tödlichen Schüssen der Sicherheitskräfte auf den mutmaßlichen Attentäter.

Die Taten erinnerten an die Anschläge auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris und lösten in vielen Ländern Bestürzung aus. Die Pariser Terrorakte könnten den mutmaßlichen Attentäter laut der dänischen Sicherheitsbehörde PET zu seinen Taten angeleitet haben. Ähnlich wie in Frankreich war er der Polizei zuvor bekannt.

Einschüchtern lassen will sich Dänemark nicht. «Es gibt viele Fragen, die die Polizei noch beantworten muss», sagte Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. «Aber es gibt eine Antwort, die wir heute schon geben können. Und die lautet, dass wir unsere Demokratie verteidigen werden.» Dänemarks Königin Margrethe beschwor die Dänen, nach den Terroranschlägen zusammenzuhalten.

Die dramatischen Stunden von Kopenhagen begannen am Samstag um 15.33 Uhr. Der junge Mann beschoss mit einer automatischen Waffe von außen das Kulturcafé, in dem eine Veranstaltung zum Thema «Kunst, Gotteslästerung und Freie Rede» stattfand. Der 55-jährige Filmregisseur Finn Nørgaard wurde getötet, drei Polizisten wurden verletzt.

Der Angriff galt vermutlich dem schwedischen Zeichner Lars Vilks. Islamisten kritisieren ihn seit Jahren wegen seiner Mohammed-Karikaturen. Er war bereits mehrfach Ziel von Anschlägen. Vilks blieb unverletzt. Er hatte sich mit einer Organisatorin der Diskussion in einem Kühlraum versteckt.

Sofort setzte eine Großfahndung ein. Der Attentäter flüchtete laut Polizei zunächst in einem dunklen VW Polo und dann per Taxi. Er ließ sich in seine nicht weit entfernte Wohnung fahren. Etwa zehn Stunden nach dem ersten Anschlag versuchte wahrscheinlich derselbe Täter nach Mitternacht in eine Synagoge einzudringen. Er eröffnete das Feuer und traf einen Mann tödlich in den Kopf - laut jüdischer Gemeinde einen 37 Jahre alten freiwilligen Wachmann. Zwei Polizisten wurden verletzt. Zu einer Feier - der Bat Mizwa - waren in dem Gebäude rund 80 Menschen versammelt.

Inzwischen hatte die Polizei ihren Angaben zufolge Stellung vor der Wohnung des Mannes nahe des Bahnhofs Nørrebro bezogen. Kurz vor 5.00 Uhr kehrte der mutmaßliche Täter zurück. Die Sicherheitskräfte riefen ihm zu. Er eröffnete sofort das Feuer. Die Beamten schossen zurück und trafen den mutmaßlichen Terroristen tödlich.

Die Identität des Mannes wollten die Ermittler zunächst nicht preisgeben. «Er kommt aus Kopenhagen, das ist alles, was wir sagen können», sagte PET-Chef Jens Madsen. Es gebe keine Hinweise auf Komplizen oder einen Aufenthalt des Mannes als Dschihadist in Syrien oder im Irak. Gefahndet hatte die Polizei nach einem etwa 25 bis 30 Jahre alten Mann arabischen Aussehens. Noch am Sonntagnachmittag liefen die Ermittlungen in Kopenhagen auf Hochtouren.

In der dänischen Hauptstadt herrschte zeitweise Panik und Chaos. Das Geschehen spielte sich in der Innenstadt ab. Die Lage war über Stunden völlig unklar. Auch die Bundespolizei war im Einsatz und überwachte an den drei Flensburger Grenzübergängen den Verkehr.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht weiter eine hohe Terrorgefahr in Deutschland: «Die Gefährdungslage in Deutschland ist unverändert hoch.» Kurzfristig wurde der Karnevalsumzug in Braunschweig wegen eines Hinweises auf eine konkrete Gefährdung durch einen Anschlag abgesagt. Am Sonntag waren hier bis zu 250 000 Besucher erwartet worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. In einem Telefonat mit Thorning-Schmidt betonte die Kanzlerin, Deutschland stehe angesichts der menschenverachtenden Anschläge fest an der Seite Dänemarks. EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte: «Unsere Entschlossenheit, alle Arten von Extremismus und Terrorismus zu bekämpfen, wird durch solche Angriffe nur gestärkt.»

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve eilte nach Kopenhagen und legte an dem ersten Anschlagsort Blumen nieder - gemeinsam mit der dänischen Justizministerin Mette Frederiksen und dem französischen Botschafter François Zimeray. Zimeray hatte den Anschlag auf das Kulturcafé belebt. Die Stadt Kopenhagen will am Montagabend der Opfer vom Wochenende gedenken.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu forderte die Juden in Europa zur Auswanderung in den jüdischen Staat auf: «Juden wurden auf europäischem Boden ermordet, nur weil sie Juden waren.» Der britische Premierminister David Cameron zeigte sich betroffen. Die USA boten Dänemark ihre Hilfe an.

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