Wolfsburg/Berlin (dpa) - Als langjähriger Konzernchef, Ziehsohn des Auto-Patriarchen Ferdinand Piëch und detailversessener «Mr. Qualität» galt Martin Winterkorn lange Zeit als beinahe unantastbar.

Doch dann wurde im September 2015 der Abgas-Skandal in den USA bekannt und fegte den einstigen Erfolgsmanager binnen weniger Tage aus dem Amt.

Winterkorn drückte VW seinen Stempel auf. Der Technik-Freak genoss in Europas größtem Autokonzern hohes Ansehen - vom Aufsichtsrat und Großaktionär bis zum einfachen Bandarbeiter oder Büroangestellten. Als mit Abstand bestverdienender Lenker eines Dax-Unternehmens profitierte er selbst von den immer neuen Rekorden der Wolfsburger.

Ausgerechnet eine massive technische «Unregelmäßigkeit» wurde dem heute 69-Jährigen dann zum Verhängnis. Er sei «fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen-Konzern möglich waren», sagte Winterkorn beim Rücktritt wegen der gefälschten Emissionsdaten von VW-Dieselautos Ende September 2015. In einer Videobotschaft an die Belegschaft hatte er zuvor sein Entsetzen formuliert: «Manipulieren und Volkswagen – das darf nie wieder vorkommen.»

Ungeklärt ist bisher allerdings, ob - und wenn ja, wie - Winterkorn selbst in die Geschehnisse eingeweiht war, die später in die tiefste Krise von Deutschlands größtem Unternehmen führten. Er selbst sagte, er sei sich «keines Fehlverhaltens bewusst». Die Staatsanwaltschaft Braunschweig prüft derweil, ob sich Winterkorn und andere Top-Manager möglicherweise wegen Marktmanipulation strafbar gemacht haben, indem sie die Finanzwelt zu spät über «Dieselgate» ins Bild setzen.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht im VW-Konzern wollte «Wiko», wie er intern genannt wurde, jede wichtige Entscheidung selbst treffen. Vor dem Start neuer Modelle schaute er rund um den Globus auch persönlich zur Endabnahme vorbei und verlangte nicht selten letzte Änderungen.

Winterkorn wurde 1947 in Leonberg bei Stuttgart als Sohn eines
Arbeiters und einer Hausfrau geboren. Nach dem Physikstudium und der Promotion ging er 1977 zu Bosch. Eine entscheidende Weichenstellung war vier Jahre später der Wechsel in die Audi-Zentrale nach Ingolstadt. 2002 wurde Winterkorn Audi-Chef, 2007 schaffte er es an die VW-Spitze. Auch in Wolfsburg war der zweifache Vater höchst erfolgreich und baute den Konzern zu einer Zwölf-Marken-Gruppe aus.

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