Lübeck/Wismar/Greifswald(dpa) - Von oben blicken die Bewohner am Lübecker Traveufer besorgt auf das Wasser hinab, dass sich minütlich Meter für Meter weiter ihren Wohnhäusern und Restaurants nähert.

Wenig später erobert es erste Teile des Fußgängerwegs​, nach und nach laufen die Gullydeckel in der Mitte der Straße über. Die Ostseeküste wird am Mittwochabend erneut von einer Sturmflut heimgesucht, der schwersten seit November 2006.

Schon Stunden vor der angekündigten Flut laufen die Vorbereitungen der Anwohner im Bereich der Trave auf Hochtouren. Mit Holzplanken verschließen sie die Eingänge zu ihren Wohnhäusern, viele häufen außerdem Sandsäcke zum Schutz auf. «So können wir im schlimmsten Fall die Wassermassen im Zaum halten», sagt Stefan Rumstieg am frühen Abend​, während er eine der Schrauben nachzieht, mit denen die Planke in der Hauswand verankert wird. Direkt nebenan leiht eine Frau ihrem Nachbarn eine Tube mit Silikonmasse, um die Barriere wasserdicht zu versiegeln.​

Im Hintergrund hört man die Einsatzwagen der Feuerwehr, die entlang des Ufers patrouillieren​. «Wir haben Hochwasser», schallt es als Warnung aus den Lautsprechern durch die engen Gassen. «Bitte entfernen Sie ihre Fahrzeuge aus dem Gefahrenbereich, informieren Sie Ihre Nachbarn!»

Trotzdem scheinen sich zu diesem Zeitpunkt viele Bewohner in falscher Sicherheit zu wiegen. Auch Kioskbesitzer Enver Burgen bleibt optimistisch. «Der Pegel würde sonst jetzt schon höher stehen», sagt der 54-Jährige überzeugt, den Blick auf das langsam ansteigende Wassers am Ufer gerichtet. Dabei hält er ein Bild in der Hand, dass eine Szene aus dem Jahr 1994 zeigt: Zu sehen ist er als junger Mann, wie er mit einem roten Plastikeimer Wasser aus seinem Kiosk schöpft, das durch eine schwere Sturmflut in das Ladeninnere gedrungen war. «Einige Menschen sind am nächsten Tag die 150 Meter ins Büro mit dem Schlauchboot gefahren», berichtet er. Angst vor einer Wiederholung der Ereignisse scheint er nicht zu haben.

Stunden später wird jedoch klar, dass manche Bewohner die Warnungen der Feuerwehr besser für voll genommen hätten. Als gegen 22 Uhr fast die gesamte Fußgängerpromenade unter Wasser steht, ziehen Abschleppwagen mehrere Fahrzeuge aus dem überschwemmten Bereich, denen der Pegel bereits bis zur Türkante reicht. Zu dieser Zeit ragen die meisten der abgestellten Fahrräder nur noch zur Hälfte aus dem Wasser. Dazu müssen die Einsatzkräfte der Feuerwehr zusätzliche Sandsäcke anliefern, um Gebäude abzusichern, deren Besitzer augenscheinlich nicht rechtzeitig Vorkehrungen getroffen haben.

Und auch andernorts haben die Menschen mit den Auswirkungen der Sturmflut zu kämpfen. Während in der Rostocker Altstadt das Wasser rund 20 Zentimeter hoch ansteigt, laufen im Wismarer Altstadt-Hafen einige Keller voll - ein Bild, das sich auch in anderen Städten wie Warnemünde oder Greifswald abzeichnet. Auf Rügen wird sogar ein ganzer Ort durch die Wassermassen abgeschnitten.

In Lübeck wundern sich die Einsatzkräfte darüber, dass die sonst so sturmerprobten Stadtbewohner teils unvorbereitet waren - und es so überhaupt erst zu manchen Wasserschäden und vollgelaufenen Autos kommen konnte. «Wir waren überrascht, wie viele Menschen unsere Warnungen ignoriert zu haben scheinen», resümiert Matthias Schäfer, Pressesprecher der Feuerwehr. «Trotz der vielen Warnungen mussten wir gerade mit Sandsäcken sehr stark einschreiten und unterstützen.» Bis zur nächste Bewährungsprobe für die Lübecker wird nun wohl wieder einige Zeit vergehen.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer