Gräber
Hunderte von Gräbern für die Todesopfer der Bergwerkskatastrophe. Foto: Tolga Bozoglu

Hunderte von Gräbern für die Todesopfer der Bergwerkskatastrophe. Foto: Tolga Bozoglu

dpa

Hunderte von Gräbern für die Todesopfer der Bergwerkskatastrophe. Foto: Tolga Bozoglu

Soma (dpa) - In Soma heben Helfer im Akkord Gräber aus. Vor den Gruben weinen Angehörige. Und alle wissen: Wenn die Retter abgezogen sind, müssen die Kumpel wieder unter Tage.

«Wir haben gestern 120 Gräber ausgehoben. Heute waren es noch mal mehr als 100», sagt Özcan. Der Bauer aus einem Dorf in der Nähe des türkischen Unglücksbergwerks in Soma ist einer von vielen Freiwilligen, die bei der Bestattung der Toten helfen.

Jeder Trauerprozession schreitet ein Mann voran, der eine gelbe Karte mit dem Namen des Opfers hochhält. Es soll trotz Chaos' und hundertfachen Leids keine Verwechslungen geben. Trauernde Frauen vergraben ihre Gesichter in verweinten Taschentüchern.

«Mein Bruder ist vor acht Jahren bei einem Unglück in dem Bergwerk ums Leben gekommen», erzählt Özcan, der seinen vollen Namen nicht nennen will. «Ich kenne diesen Schmerz besser als andere. Ich musste kommen.»

Großes Glück hatte dagegen die Familie von Mehmet Asher. Sein Schwager wurde lebend gerettet. Zehn Stunden lang war er unter Tage gefangen. Die Überlebenden hätten Schlimmes durchgemacht, berichtet Asher, während er vor der Leichenhalle in der Nachbarstadt Kirkagac steht, wo die Toten für die Beisetzung vorbereitet werden.

Die Kumpel sahen ihre Freunde und Kollegen sterben. Sie erstickten an giftigen Gasen, waren umgeben von Feuer und Rauch. Den Bergleuten bleibt trotzdem keine Wahl. «Mein Schwager sagt, er muss zurück in die Zeche, denn sie brauchen das Geld», sagt Asher. «Er hat noch zwei Jahre bis zur Pension. Er muss da wieder runter.»

Kohle ist in Soma allgegenwärtig. Das wird auch im Krankenhaus der Stadt klar, wo die Überlebenden des Unglücks behandelt werden. Eingraviert auf der Außenwand sind die Worte: «Die Menschen geben ihr ganzes Leben für eine Handvoll Kohle.» Daneben sind zwei gekreuzte Spitzhacken zu sehen.

In Soma kann niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen noch in der Mine gefangen sind. Hunderte sind tot oder verletzt. Teams von Helfern arbeiten rund um die Uhr, um den Familien zumindest die Leichen ihrer Angehörigen für ein ordentliches Begräbnis übergeben zu können.

Die 22-jährige Duygu Colak ist verzweifelt. Ihr Mann Ugur (25) wurde gerade beigesetzt. «Ich habe im Krankenhaus 30 Stunden auf Informationen gewartet. Sie haben ihn gestern aus der Zeche geborgen». Nun weiß die junge Witwe nicht, wie es für sie und ihre 18 und 5 Monate alten Söhne weitergehen soll. Sie hat kein eigenes Einkommen. Ugur hatte die Familie mit seiner Arbeit in der Mine ernährt.

Selbst der höchstbezahlte Bergarbeiter verdient umgerechnet nur etwa 440 Euro im Monat. Kaum genug, um eine Familie zu ernähren. Viele machen Schulden, um Miete, Stromrechnung und Schulgeld bezahlen zu können. «Im Bergbau gibt es die einzigen Jobs hier in der Gegend», sagt Cenar Karamfil. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er habe früher selbst in der Zeche gearbeitet. «Die Arbeitsbedingungen im Bergwerk sind sehr hart. Es ist so heiß, man schwitzt und kann kaum atmen», sagt er. «Aber die Männer werden wieder hinuntergehen. Sie brauchen die Arbeit, denn sie müssen ihre Schulden bezahlen.» Karamfil verließ seinerzeit Soma und arbeitet nun als Elektriker in Istanbul. Als er von dem Unglück hörte, kam er sofort zurück nach Hause.

In der Nähe wartet ein Ehepaar ebenfalls auf Neuigkeiten. Der Vater seines besten Freundes sei Bergmann, erzählt der Mann. Freunde und Familie hoffen immer noch, dass der Vater vielleicht überlebt haben könnte. «Wir glauben, dass er immer noch da unten ist. Wir warten», sagt er.

Seine Frau ist wütend auf die Regierung, vor allem auf Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte gesagt, solche Unglücke seien in Bergwerken üblich. «Ich bin sehr traurig. Wie kann er das nur sagen?» sagt sie. Die Regierung habe in Soma Unsummen für eine neue Veranstaltungshalle ausgegeben. «Warum haben sie das Geld nicht in mehr Sicherheit investiert?» Die Frau redet sich ihre Wut von der Seele: «Die ganze Stadt wird nun leiden. Die Kumpel sind ein wichtiger Teil dieser Stadt und sie nehmen viele Kredite auf. Wer wird nun ihre Schulden abbezahlen? Wer hat noch Geld zum Einkaufen?»

Auf dem Friedhof sitzt die acht Jahre alte Rüveyda und starrt auf das Geschehen. Ihr Vater ist tot. Sie versucht, die Trauer und Verzweiflung der Erwachsenen um sie zu verstehen. Fahrzeuge bringen ständig weitere Leichen. Özcan hebt derweil ein weiteres Grab aus.

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