Rücktritt von Bundespräsident Wulff
Ein Kneipenbesucher in Hannover verfolgt die Pressekonferenz von Bundespräsident Christian Wulff auf einem smartphone. Foto: Jochen Lübke

Ein Kneipenbesucher in Hannover verfolgt die Pressekonferenz von Bundespräsident Christian Wulff auf einem smartphone. Foto: Jochen Lübke

dpa

Ein Kneipenbesucher in Hannover verfolgt die Pressekonferenz von Bundespräsident Christian Wulff auf einem smartphone. Foto: Jochen Lübke

Berlin (dpa) - Kaum 20 Monate war Christian Wulff im Amt, und die letzten zwei davon waren für den Bundespräsidenten höchst unerfreulich. Aus der Kreditaffäre wurde eine Medienaffäre, wurde eine Lobbyaffäre. Am Ende war es nur noch die Affäre Wulff.

Ein Bundespräsident für nur gut eineinhalb Jahre, unvorstellbar eigentlich, ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik. Auch Wulffs Vorgänger Horst Köhler trat vorzeitig zurück, aber immerhin hatte er fünf Jahre im Schloss Bellevue verbracht. Zwei dramatische Rücktritte in Folge - als Staatskrise will das aber keiner mehr sehen, im Gegenteil: Selbst in der schwarz-gelben Koalition empfinden es viele fast als Befreiung, dass die Affäre Wulff nun doch endlich vorüber ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat lange gebraucht, bis sie den Rücktritt «ihres» Präsidenten als unausweichlich erkannt hat. Erst die Ankündigung der Staatsanwaltschaft, die Aufhebung der Immunität zu fordern, brachte das Fass zum überlaufen. Wochenlang hatte Merkel gezögert, «volles Vertrauen» bekundet, sogar «vollstes Vertrauen». Genützt hat es alles nicht.

Was als kleine Affäre um einen 500 000-Euro-Kredit begann, wollte einfach nicht zu Ende gehen. Aber es war nicht dieses Darlehen, das ihm zum Verhängnis wurde, auch nicht der Druck, den er versuchte, auf die «Bild»-Zeitung und andere auszuüben. Eher schon an seinem spitzfindigen Umgang mit der Wahrheit, der ihn immer wieder zu neuen Eingeständnissen, taktischen Finessen und zerknirschten Erklärungen zwang.

Ob das höchste Amt im Staat Schaden genommen hat, mag man bezweifeln. Aber der zehnte Bundespräsident geht schwer beschädigt. Im Mittelalter wäre er wohl auf dem Scheiterhaufen gelandet, sagte er noch voller Galgenhumor auf der «Zeit»-Matinee am 22. Januar. Damals wollte er noch Vertrauen zurückgewinnen.

Mit Abstand betrachtet wird man sich an die Affäre vielleicht einmal so erinnern: Christian Wulff stolperte über seine zu engen Beziehungen zu Unternehmern, über den allzu freundschaftlichen Umgang mit reichen Geschäftsleuten in seiner Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen (2003 bis 2010), über den Eindruck von Gefälligkeiten. Sein Sprecher und Vertrauter Olaf Glaeseker, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Bestechlichkeit ermittelt, steht nur als Beispiel für das, was die Opposition in Niedersachsen «System Wulff» genannt hat.

Jetzt will die Staatsanwaltschaft auch gegen Wulff ermitteln. Viele Fragen sind in den vergangenen Wochen gestellt worden. Der 500 000-Euro-Kredit der Unternehmergattin Edith Geerkens - oder war faktisch doch Egon Geerkens der Geldgeber? Was war mit den Urlauben bei den Geerkens und anderen vermögenden Freunden? Der Droh-Anruf auf die Mailbox von «Bild»-Chefredakteur Kai Diekmann, am Ende dann die Staatshilfe für den Party-Manager Manfred Schmidt und der Sylt-Urlaub mit dem Film-Freund David Groenewold.