Trauernde in Paris haben ein Relief mit einem Schild «Je suis Charlie» (Ich bin Charlie), Blumen, Kerzen und einem Stift umgestaltet. Foto: Fredrik von Erichsen
Trauernde in Paris haben ein Relief mit einem Schild «Je suis Charlie» (Ich bin Charlie), Blumen, Kerzen und einem Stift umgestaltet. Foto: Fredrik von Erichsen

Trauernde in Paris haben ein Relief mit einem Schild «Je suis Charlie» (Ich bin Charlie), Blumen, Kerzen und einem Stift umgestaltet. Foto: Fredrik von Erichsen

dpa

Trauernde in Paris haben ein Relief mit einem Schild «Je suis Charlie» (Ich bin Charlie), Blumen, Kerzen und einem Stift umgestaltet. Foto: Fredrik von Erichsen

Paris (dpa) - Die aktuelle Ausgabe des französischen Satireblatts «Charlie Hebdo» ist vergriffen, Originale werden in Online-Auktionen versteigert und erzielen Preise bis zu 1000 Euro.

Die Pariser Kult-Zeitschrift wird auch nach der blutigen Katastrophe in den Räumen der Redaktion wieder erscheinen, sogar in einer Auflage von einer Million Exemplaren - ein Lebenszeichen nach dem Terrorakt.

Allein acht Journalisten des Magazins starben im Kugelhagel von kaltblütigen Terroristen - unter den Opfern auch Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier (47) alias Charb. «Ich habe alle meine Freunde verloren», sagt Philippe Val, der frühere Direktor von «Charlie Hebdo». Er ringt im Fernsehen um Fassung. Die Attentäter hätten Journalisten zum Schweigen gebracht, die ernste Themen mit bissigem Humor angegangen seien: «Es darf nicht sein, dass die Stille siegt.»

Es sieht danach aus, als ob junge Islamisten Frankreich den schwersten Schlag seit mehreren Jahrzehnten versetzt hätten. Sie sollen unweit der Redaktion von «Charlie Hebdo» gewohnt haben. Ihre Namen: Said (34) und Chérif Kouachi (32). Die Polizei veröffentlicht am frühen Donnerstagmorgen ein Fahndungsplakat mit Fotos der beiden.

Die Brüder sollen am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion gestürmt und mit einer Kalaschnikow um sich geschossen haben. Beim Rauslaufen aus dem Gebäude erschossen die Brüder einen Polizisten und schrieen ihren Hass heraus: «Wir haben Mohammed gerächt» und «Wir haben Charlie Hebdo getötet». Ein 18-Jähriger soll ihnen geholfen haben.

Die Horrortat stürzt das ohnehin angeschlagene Land in eine tiefe Krise. Viele Franzosen schauen sowieso alles andere als freudig ins neue Jahr. Die Wirtschaft steckt fest im Sumpf, Reformen sind umstritten, und der sozialistische Präsident François Hollande ist so unpopulär wie kein Staatschef vor ihm.

Hinzu kommt: Die Integration von Ausländern ist ein heißes Eisen. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen ist so angespannt wie lange nicht. In Frankreich leben fünf Millionen Muslime, viele von ihnen in den vernachlässigten Vorstädten. Dort sind fast die Hälfte der Menschen arbeitslos. Der Frust lässt junge Muslime nach Alternativen suchen. Angeblich haben sich etwa 1000 junge Franzosen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.

Politische Beobachter befürchten nun, dass das Attentat die Spaltung im Land vertieft und die Ressentiments gegenüber Muslimen stärker werden. Der in Deutschland und Frankreich bekannte Grüne Daniel Cohn-Bendit erklärt bereits: «Das hat mit dem Islam nichts zu tun.» Er wertet es positiv, dass sich auch muslimische Verbände in Frankreich von der Tat distanziert hätten. Trotz allem könnte die Tat dem rechtsextremen Front National von Marine Le Pen weiter Auftrieb geben. Die Politikerin erklärt bereits am frühen Abend: Es sei klar, dass islamische Fundamentalisten den Anschlag verübt hätten.

Hollande will gegensteuern. Er fordert die Franzosen auf, angesichts des Terrors zusammenzustehen. Auf der Place de la République mitten in Paris, unweit des Tatorts, kamen am späten Mittwochabend spontan tausende Menschen zusammen. Es waren viele Spruchbänder und Plakate mit der Aufschrift «Nous sommes Charlie» (Wir sind Charlie) zu sehen.

Die großen Medienhäuser wollen alles tun, damit «Charlie Hebdo» weiterleben kann. Mehrere Zeitungen drucken am Donnerstag eine fast schwarze Seite Eins. Die eher linke «Libération» schreibt auf schwarzem Grund: «Nous sommes tous Charlie» (Wir sind alle Charlie). Die konservative Zeitung «Le Figaro» titelt: «La Liberté assassinée» (Die ermordete Freiheit).

Aber es gibt trotz aller Empörung auch Kritik an «Charlie Hebdo». In der britischen «Financial Times» schreibt Chefredakteur Tony Barber über die «Unverantwortlichkeit» des Satireblatts. Zwar sei Frankreich das Land von Voltaire, doch bei «Charlie Hebdo» seien zu häufig unverantwortliche redaktionelle Entscheidungen getroffen worden. Auch Cohn-Bendit spricht von einem «radikalen, antiklerikalen Blatt», das längst nicht nur Freunde hatte.

Das Magazin wollte sich nie den Mund verbieten lassen. Unzählige Prozesse hatte das Blatt etwa mit der katholischen Kirche ausgetragen. 2006 druckte «Charlie Hebdo» die hochumstrittenen dänischen Mohammed-Karikaturen und legte selbst nach. Bereits im November 2011 waren nach der Veröffentlichung einer «Scharia»-Sonderausgabe mit einem «Chefredakteur Mohammed» die Redaktionsräume in Flammen aufgegangen.

Redaktionsleiter Charb sagte einmal im Interview: «Ich ziehe es vor, mit erhobenem Haupt zu sterben, als auf den Knien zu leben.» In der Ausgabe vom Dienstag ist ein Cartoon, auf dem ein islamistischer Terrorist mit einer umgehängten Kalaschnikow auf dem Rücken zu sehen ist, der sagt: «Noch immer kein Attentat in Frankreich - warten Sie, man hat ja bis Ende Januar Zeit für Neujahrswünsche.»

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