Kairo (dpa) - Als hätte es noch eines Beweises bedurft: die gewaltigen Proteste der Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi haben gezeigt, welchen gewaltigen Herausforderungen sich die Nachfolger stellen müssen.

Schießereien vor der Kaserne einer Elitetruppe kosteten mindestens zwei Demonstranten das Leben. Die Gefahr einer Gewalteskalation ist nicht vom Tisch. Aber auch ohne Blutvergießen ist die Realität des post-revolutionären Alltags hart genug. Mursi ist weg, doch die Probleme sind geblieben.

Seit der Revolution im Februar 2011, die den Langzeitherrscher Husni Mubarak stürzte, wächst die Wirtschaft nur noch minimal. Neue Jobs entstanden keine. Eher stieg die Arbeitslosigkeit noch an, von 12,3 Prozent im Vorjahr auf 13,5 Prozent im ersten Halbjahr 2013. Niemand hat daran gedacht, die bitter nötigen Reformen im Schul-, Hochschul- und Gesundheitswesen anzupacken. Die Bürokratie blieb monströs wie eh und je. Subventionen für Kfz-Treibstoffe und Grundnahrungsmittel kosten den Staat hohe Summen.

Mit Adli Mansur übernimmt ein hoher Verfassungsrichter und versierter Jurist den Posten des Interimspräsidenten. Er wird sich wohl auf die Vorbereitung von Neuwahlen konzentrieren, auf die dafür nötigen Gesetze. Die gesamte Situation lädt nicht unbedingt zu wirtschaftspolitischem Handeln ein. Die künftige Regierung Mansurs, deren Zusammensetzung noch nicht bekannt ist, lenkt erneut ein Land ohne Verfassung und Parlament, mit einem Chef von Gnaden des Militärs. Auch ausländischen Investoren flößt das kein Vertrauen ein.

Die einjährige Herrschaft Mursis hat die Situation noch verschlimmert. Die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen Kredit im Umfang von 4,8 Milliarden US-Dollar (3,73 Mrd Euro) kamen nicht von der Stelle. Befreundete Länder wie das Golfemirat Katar sprangen mit Milliarden-Hilfen ein - es ist ungewiss, wie lange diese Großzügigkeit noch anhält. Die Inflation stieg auf über acht Prozent und könnte im nächsten Jahr nach IWF-Berechnungen auf 14 Prozent klettern.

Vor den Wahlen 2012 köderte Mursis Muslimbruderschaft die Wähler mit dem wohlklingenden Nahda-(Renaissance-)Projekt für mehr Arbeitsplätze und die Überwindung der Armut. Zu spüren ist davon nichts. Gut die Hälfte der Bevölkerung lebt weiter unter der Armutsgrenze von zwei Dollar am Tag.

Acht Prozent des Staatsbudgets verschlingen allein die Subventionen für Benzin und Diesel. Auch die Islamisten wagten nicht daran zu rühren, aus Furcht vor dem Zorn jener wohlhabenderen Menschen, die ein Auto besitzen und billigen Treibstoff als ein Menschenrecht betrachten. Zuletzt kam es zu Engpässen an den Tankstellen.

Die Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Inkompetenz der islamistischen Regierung stärkte die Protestbewegung. «Das Leben wird immer teurer, der Strom fällt immer öfter aus, und für Benzin müssen die Leute Schlange stehen», beschrieb der Student Ahmed Abdel Hamid, der vor dem Umsturz auf dem Tahrir-Platz demonstrierte, die Zustände.

Ägyptens Bevölkerung wächst weiter. Um einigermaßen annehmbare Perspektiven zu schaffen, müsste die Wirtschaft um acht bis zehn Prozent im Jahr wachsen. In den letzten Jahren unter Mubarak waren es fünf, zuletzt unter Mursi nur zwei Prozent. «Um wieder Wachstum zu erzielen, sind Maßnahmen erforderlich, die nicht populär sein werden», sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin Amira al-Haddad von der Universität Kairo der «Washington Post». Wie die neuen Machthaber mit diesen enormen Herausforderungen umgehen werden, lässt sich noch nicht absehen.

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