Beirut (dpa) - Abu Tajem und sein Bruder Alaa haben in einem der grünen Busse gesessen, deren Bilder um die Welt gingen. Nachdem sie aus dem zerstörten Ost-Aleppo herausgebracht wurden, sind sie nun vor Artilleriegranaten und Luftangriffen relativ sicher.

Aber ihre Erleichterung darüber wird vom Heimweh getrübt und von dem Bedauern, dass ihre Träume von Freiheit ausgeträumt sind. «Ich weiß, wir sind jetzt Vertriebene, und wir haben keine Ahnung, wo wir als nächstes hingehen, aber wir haben starkes Heimweh», sagt Abu Tajem der Nachrichtenagentur dpa.

Der 23-jährige, der nicht wirklich so heißt, meldet sich telefonisch aus einem Ort in dem von Rebellen gehaltenen Gebiet westlich von Aleppo. «Wir fühlen uns hoffnungslos, obwohl wir nach einer furchtbaren Reise jetzt in Sicherheit sind», sagt er und denkt an seinen neugeborenen Sohn, der nicht bei ihm ist.

Der Aktivist und Journalist hatte Ost-Aleppo gemeinsam mit seinem Bruder, einem Krankenpfleger, vorigen Mittwoch in einem der ersten Busse verlassen, bevor die Evakuierung wieder zum Stillstand kam. Alaa und Abu leben jetzt bei Verwandten in dem Dorf Kfar Naha südwestlich von Aleppo. Doch sie sind von ihren engsten Angehörigen getrennt.

Nachdem Regierungskräfte unter heftigen Gefechten, Luftangriffen und Artilleriefeuer ein Viertel nach dem anderen in Ost-Aleppo eingenommen hatten, galt es herzzerreißende Entscheidungen darüber zu treffen, was für jeden am sichersten war. «Als das Regime unser Viertel einnahm, zogen wir in verschiedene andere Viertel, aber nirgendwo war es mehr sicher, so musste ich die härteste Entscheidung meines Lebens treffen», sagt Abu Tajem. Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, ob die Zivilisten aus der Stadt gebracht würden oder rettungslos verloren wären, wenn die letzten Rebellengebiete fielen.

«Ich schickte meine Frau, meinen Sohn, Mutter, Vater und Schwestern in die vom Regime kontrollierten Gebiete und blieb zurück», erzählt er. Als Journalist und Aktivist fürchtete er, in den Kerkern des Regimes zu verschwinden, sollte er selbst die Frontlinie überqueren. Viele Menschen, die bis zuletzt in Ost-Aleppo ausharrten, hätten ähnliche Entscheidungen getroffen, erzählt er.

Die Menschen in Kfar Naha hätten die Vertriebenen mit offenen Armen in ihren Häusern aufgenommen, berichten die Brüder. «Gestern ging ich los, ein Sandwich zu kaufen, nachdem ich schon lange kein gutes Brot mehr gegessen hatte», erzählt Alaa, der nur seinen Vornamen nennen will. «Der Wirt weigerte sich, von mir Geld anzunehmen, als er erfuhr, dass ich ein Vertriebener aus Ost-Aleppo bin.»

Die örtlichen Gemeinderäte täten ihr Bestes, die Heimatlosen in leeren Häuser, Schulen oder anderen Gebäuden unterzubringen. «Aber ich denke, internationale Organisationen sollten sich stärker einschalten, vor allem, weil wir ja noch mehr Flüchtlinge erwarten», fügt Alaa hinzu. Menschen, die untereinander verwandt seien, würden gemeinsam einquartiert, in manchen Häusern lebten 15 Menschen.

Der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) hat gewarnt, dass Zehntausende Flüchtlinge aus Ost-Aleppo der Härte des syrischen Winters ausgesetzt sein werden. «Für die Menschen aus Aleppo ist es jetzt lebenswichtig, dass humanitäre Organisationen dauerhaften Zugang erhalten, um denen in verzweifelter Not jetzt und über die nächsten Wintermonate Hilfe zu leisten», sagt Thomas White, der Syrien-Direktor des NRC.

Fatima, eine Verwandte der beiden Brüder, sagt, selbst auf einem Fußweg im Freien sei es immer noch himmlisch im Vergleich zu dem, was davor war. Wenigstens seien ihre Kinder jetzt sicher vor den unablässigen Luftschlägen, dem Geschützfeuer, mit dem das Regime auf die belagerte Enklave eindrosch. «Für mich ist ein Bürgersteig, oder zwischen allen meinen Kindern unter einem Baum zu sitzen, alles, was ich will in diesem Augenblick», sagt sie.

Aber Abu Tajem kommt nicht umhin, an die Stadt zurückzudenken, die er hinter sich gelassen hat und an die Hoffnungen, die dort aufkeimten, als die Protestbewegung gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad 2011 begann. «Sie haben die Straßen eingenommen, wo wir lachten und weinten. Sie haben uns die Träume von der Freiheit gestohlen, die wir vor fünf Jahren aus vollem Herzen ausgerufen hatten.»

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