Michael Schrader gewinnt überraschend das Meeting in Götzis mit Jahres-Weltbestleistung.

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Zehnkämpfer Michael Schrader.

Zehnkämpfer Michael Schrader.

Gero Breloer

Zehnkämpfer Michael Schrader.

Götzis. Nach dem Drama in zehn Akten ging Michael Schrader als strahlender Held von der Bühne - bei der elften Disziplin gab er auf. "Ich kann nicht mehr stehen", sagte der neue Leitstern am Zehnkampf-Himmel und bat seine Fans im Mehrkampf-Mekka Götzis um Vergebung. "Ich kann nicht mehr schreiben", stöhnte der junge Mann nach dem 300.Autogramm und rieb sich den rechten Unterarm.

Doch dann pinselte er fleißig weiter. Weglaufen ging nicht. Aufgeben gilt nicht, wie beim Wettkampf, den der 21-Jährige eine halbe Stunde zuvor mit dem persönlichen Rekord von 8522Punkten sensationell gewonnen hatte - als erster Deutscher seit Olympiasieger Christian Schenk 1990.

Auf die Frage, wer in Berlin Zehnkampf-Weltmeister wird, wollte Schrader, der Götzis-Sensationssieger aus Krefeld-Uerdingen, gar nicht so schnell antworten: "Ich wollte den Sprung zur WM nach Berlin schaffen. Das habe ich mit 8522 Punkten wohl jetzt hinter mir. In Ratingen in knapp drei Wochen werde ich erneut um den Sieg kämpfen.

Die Ziele für die WM setze ich mir danach. Aber natürlich verschiebt sich nach dieser Punktzahl alles, worüber ich bisher nachgedacht habe", sagte der neue Zehnkampfstar zu seinen Chancen bei der Weltmeisterschaft im August in Berlin (15. bis 23. August). Der erst 21-jährige Bundeswehrsoldat ist mit der Leistung von Götzis ein ganz heißer WM-Medaillenkandidat. Zumal bei den Olympischen Spielen in Peking der Kubaner Leonel Suarez mit gerade einmal fünf Punkten mehr als nun Schrader Bronze gewann.

Ex-Weltrekordler Torsten Voss trainiert das Talent ehrenamtlich

Bei der Siegerehrung in Götzis sang der Soldat der Sportkompanie in Köln mit der Hand auf dem Herz bei der Hymne jedenfalls schon einmal kräftig mit. Doch beim Blick über die zehn Disziplinleistungen hat der junge Uerdinger allein im Hochsprung und über 400 Meter noch Reserven. Im Speerwurf reichte ein einziger Wurf zur neuen Bestleistung von 64,04 Metern. Schrader wollte einfach noch nicht alles zeigen.

Das Vorhaben der deutschen Zehnkämpfer, 13Jahre nach dem Silbermedaillengewinn von Atlanta durch Frank Busemann endlich wieder in der Weltelite mitzumischen, wurde in Götzis, wenn auch völlig überraschend, nun vollzogen. Zumal der Frankfurter Pascal Behrenbruch als Dritter mit 8374 Punkten ebenso eine neue Bestleistung aufstellte wie auch der Hallenser Norman Müller als Sechster mit 8272 Zählern.

"Wir Deutschen haben hier eine ganz starke Vorstellung abgeliefert. Das ist ein tolles Team, mit dem wir noch viel bewirken können", freute sich denn auch Bundestrainer Claus Marek und sah seine akribische Aufbauarbeit zum ersten Mal belohnt. Doch noch liegt viel Arbeit vor den deutschen Zehnkämpfern. Allein dass Schraders Trainer Torsten Voss, der erste und bislang einzige deutsche Zehnkampf-Weltmeister von Rom 1987, als ehrenamtlicher Vereinstrainer solch ein großes Talent nicht unter professionellen Bedingungen trainieren kann, wirft Fragen auf.

Als Angestellter im Sicherheitsbereich des Uerdinger Bayer Chemieparks muss Voss oft Dienst schieben, wenn Schrader vormittags trainiert. Mehr Spielraum konnten die Vereinsverantwortlichen des SCBayer 05 Uerdingen bei der Bayer-Konzernleitung nicht erreichen. Selbst ein Angebot des Deutschen Leichtathletik Verbandes, finanziell für Voss einzuspringen, war schnell vom Tisch. "Ich habe wenig Bewegungsspielraum. Aber in der heutigen Zeit bin ich natürlich froh, einen sicheren Job zu haben", meinte Voss. Michael Schrader forderte bereits nach Peking nach einem hauptamtlichen Trainer namens Torsten Voss.

 

Drei Fragen an Michael Schrader 

Mal ehrlich, wenn Ihnen vorgestern jemand einen Sieg mit Weltjahresbestleistung vorhergesagt hätte, was hätten Sie dem gesagt?

Michael Schrader: Den hätte ich für bescheuert erklärt. Ich wollte hier die 8397 Punkte, mit der mein Trainer Torsten Voss seit 27 Jahren den Juniorenweltrekord hält, antasten. Der Torsten war damals 19 Jahre alt, ich bin 21. Aber es war ein Ziel, das ich schaffen wollte. Was jetzt passiert ist, ist einfach unglaublich. Dass ich in Götzis gewinnen könnte, da habe ich keine Sekunde drüber nachgedacht.

Ihr Wettkampftrikot wirkt antiquiert. So eines hat Jürgen Hingsen vor 25 Jahren bei seinen Weltrekorden getragen. Hat Ihr Ausrüster kein neues für Sie parat?

Schrader: Mein Trikot ist schon gut 25Jahre alt und stammt von meinem Vater, der ebenfalls mal beim SC Bayer als Sprinter aktiv war. Mir gefällt das Trikot, es sieht gut aus, trägt sich hervorragend, das ist die Hauptsache.

Während des Hochsprungs wurden Sie von Wadenkrämpfen geplagt.

Schrader: Ich hatte solche Krämpfe vor zwei Jahren schon einmal bei einem Wettkampf. Mit einem heißen Wannenbad, Magnesium, jeder Menge Getränken und vor allem dank der hervorragenden Physiotherapeuten des DLV habe ich noch einmal die Kurve bekommen.

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