Der Slowene Prevc beeindruckt mit seiner Nervenstärke, dem aggressiven Stil und ist doch ein Star wider Willen.

Peter Prevc
Peter Prevc war bei der Tournee das Maß aller Dinge.

Peter Prevc war bei der Tournee das Maß aller Dinge.

Urs Flueeler

Peter Prevc war bei der Tournee das Maß aller Dinge.

Bischofshofen. Diese Symmetrie. Es wirkt wie ein Standbild, als Peter Prevc durch den Abendhimmel von Bischofshofen schwebt. Seine letzte Landung wie ein Hofknicks vor den Zuschauern. Hier unten, im Schanzenauslauf, verspürt Prevc Erleichterung. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der auch sein Herz große Sprünge macht. Peter Prevc ist der verdiente Sieger der Vierschanzentournee. Weg der Makel, der ewige Zweite zu sein.

„So einem Talent kann man auf Dauer nicht davonlaufen“, sagt der Österreicher Toni Innauer. Bereicherung Es ist der erste Titel der höchsten Güteklasse für Peter Prevc. Die Slowenen feiern ihren Peter, den Großen. Jubelposen eines 23-Jährigen, aber keine Ekstase, kein Ausflippen. Es würde ohnehin nicht passen zu diesem schmächtigen Schweiger, der ebenso viel Mut wie Sicherheit demonstriert. Die Kontrahenten würdigen den Beständigsten und derzeit Besten unter den Besten. Händeschütteln im Akkord. Peter Prevc bleibt selbst im größten Glück bescheiden, beinahe demütig, und sagt: „Es ist dermaßen aufregend, einfach großartig. Ich hatte nicht gedacht, dass es so läuft.“

Dieser jungenhaft aussehende Mann ist eine Bereicherung. Ein Flieger im Zenit seines Könnens. Anders als sein Landsmann Primoz Peterka, der 1997 den Grand mit Vieren gewinnt, nimmt sich das Phänomen Prevc die Zeit zu wachsen – auch an Rückschlägen. Wie im März 2015 in Planica, wo der punktgleiche Severin Freund den Gesamtweltcup bejubelt – der zweite Stachel nach der Niederlage bei der WM in Falun. Während manche Athleten mit sich hadern, Motivation verlieren oder überziehen, geht Peter Prevc äußerlich gelassen, aber sportsmännisch fair damit um. Er braucht Zeit. Zum Verarbeiten. Und nutzt sie zur gewissenhaften Analyse mit Cheftrainer Goran Janus. Im Sommer springt er noch mehr, geht weniger in den Kraftraum. Der Rest? „Das ist mein Geheimnis“, sagt Prevc.

Weite Sprünge statt großer Sätze. Peter Prevc ist freundlich, höflich, nett. „Aber er ist keiner der großen Worte“, sagt Michael Hayböck. Trotzdem genießt er den Respekt aller. Weil seine Technik stabil und derzeit die effektivste ist. Am auffälligsten ist die extreme Position. „Man hat das Gefühl, er kippt gleich vornüber“, sagt Alexander Stöckl, der Österreicher in Diensten der Norweger. Aus dem Lehrbuch ist das nicht, seine Technik ist angreifbar. Aber er reizt seinen aggressiven und spektakulären Stil auf brutalste Weise aus. In Verbindung mit seinem irrsinnigen Fluggefühl ist dies ein Teil seines Erfolges.

Prevc, der Introvertierte. Sein Privatleben blockt der Populäre, den sie dreimal in Folge zum Sportler des Jahres wählen, konsequent ab. Freundin Mina, mit der er in dem 500-Seelen-Dorf Dolenja Vas, etwa 30 Kilometer von Ljubljana lebt, bleibt selbst für seine Landsleute tabu. Ein Freund verrät, dass Prevc zweimal mit dem Auto durch einige US-Bundesstaaten gefahren ist. Auch seine Geschwister schützt das Älteste von fünf Kindern. Der 16-jährige Domen, mit dem Peter Prevc vor Weihnachten in Engelberg einen historischen Doppelsieg feiert, ist zum ersten Mal bei der Tournee. Der Schüler trägt nach dem Sieg des Bruders beim Neujahrsspringen dessen Pokal durch die Auslaufzone, während dieser Interviews gibt.

Cene (19) studiert, springt aber auf hohem Niveau. Wie Nika. Die Zehnjährige gewinnt fast alle Nachwuchswettbewerbe in Slowenien, schlägt selbst die Jungs. Einzig Ema ist mit Sechs nicht dabei. Der Vater, Inhaber eines Möbelgeschäfts und Hobbyspringer, hat seinen Buben früher „immer ins Auto gepackt und mich zum Skiclub gefahren“, erzählt Prevc. Inzwischen ist er ein Star wider Willen. Unvergessen sein Auftritt an Neujahr 2015: Nach wenigen Fragen sucht sich der Slowene mit den Augen schnell einen Fluchtweg aus dem Pressesaal und sagt fast flehend: „Darf ich bitte gehen?“

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