Laut Claudia Pechstein wollen sich viele bei ihr entschuldigen. Foto: Koen van Weel
Laut Claudia Pechstein wollen sich viele bei ihr entschuldigen. Foto: Koen van Weel

Laut Claudia Pechstein wollen sich viele bei ihr entschuldigen. Foto: Koen van Weel

dpa

Laut Claudia Pechstein wollen sich viele bei ihr entschuldigen. Foto: Koen van Weel

Budapest (dpa) - Das Orkantief Andrea wütete auch im Budapester Stadtpark und könnte bei der Eisschnelllauf-EM für irreguläre Bedingungen sorgen. Claudia Pechstein aber spürte Rückenwind.

Erstmals nach ihrer Zwei-Jahres-Sperre hat sich beim Weltcup in Heerenveen in Vizepräsident Jan Dijkema aus den Niederlanden ein Repräsentant des Eislauf-Weltverbandes ISU bei ihr für mögliche Fehler entschuldigt. Das sagte die von 2009 bis 2011 wegen erhöhter Blutwerte gesperrte Olympiasiegerin der Zeitung «Die Welt».

«Da hat er gesagt, dass es ihm sehr leid tue, was passiert ist, und dass er es bedauere, aber er könne leider nichts machen. Die ISU-Funktionäre wissen, dass sie Fehler gemacht haben, aber sie wissen nicht, wie sie aus der Nummer rauskommen», sagte die Berlinerin vor Beginn der Eisschnelllauf-EM in Budapest. Sie habe nun das Gefühl, dass das Blatt sich wendet, meinte sie und fügte hinzu: «Ich habe immer gesagt, dass ich niemals gedopt habe. Jetzt kommen viele auf allen Vieren an und versuchen, sich zu entschuldigen.»

Hämatologen hatten bei Pechstein eine Blutanomalie als Grund für die schwankenden Retikulozyten-Werte festgestellt, für die sie vor drei Jahren von der ISU per indirektem Beweis gesperrt worden war. «Meine Blutwerte schwanken weiter, ich habe mich sogar selbst angezeigt, um die Dopingjäger der ISU erneut zum Handeln zu zwingen. Doch nichts passiert», sagte sie. «Meine abnormen Blutwerte wurden mir von meinem Vater vererbt. Ich bin überzeugt davon, dass dies auch die ISU längst still und heimlich akzeptiert hat.» Im Falle eines öffentlich eingestandenen Fehlers würden auf den Weltverband jedoch Kosten in Millionenhöhe zukommen.

Bei ihrem Training auf der Kunsteisbahn im Budapester Stadtpark, bei dem der heftige Sturm selbst Werbebanden wie Papier umher blies, wurde Pechstein keineswegs mehr so skeptisch von der Konkurrenz betrachtet wie noch unmittelbar nach ihrer Sperre. Olympiasiegerin Ireen Wüst sieht Pechstein nach ihren starken Auftritten im Weltcup bei ihrem 18. EM-Start sogar als Hauptkonkurrentin um den Titel. «Vielleicht ist sie sogar stärker als Titelverteidigerin Martina Sablikova», sagte die Niederländerin.

Aber auch andere Top-Sportler begegnen der Berlinerin mit Respekt. Doch überall schwingt Ungewissheit mit, ob die Witterung nicht einen fairen Wettkampf verhindern könnte. «Das ist nicht regulär. Hoffentlich lässt der Regen nach, aber der Wind ist furchtbar», schimpfte Sablikova-Trainer Petr Novak. Und Pechstein sprach sogar von «Lotterie-Bedingungen»: «Kein Mensch versteht, warum so ein wichtiger Wettkampf nicht in der Halle ausgetragen wird.»

Doch ISU-Präsident Ottavio Cinquanta, der sich von den Rennen vor der Traum-Kulisse des Vajdahunyad-Schlosses einen Werbeeffekt für seine in der Publikumsgunst rückläufige Sportart erhofft, konterte: «Wir sind eine Wintersportart. Alpine und nordische Skiläufer können bei Schnee und Regen auch nicht in Hallen ausweichen.» Bundestrainer Stephan Gneupel äußerte hingegen angesichts des dicht gedrängten Wettkampf-Kalenders den ernst gemeinten Vorschlag, die EM künftig im Sommer auszutragen. «Nach dem Konditionstraining sind alle Top-Athleten gut drauf und wir hätten dann ein Spektakel bei bestem Wetter mitten im Sommer», meinte der Erfurter.

Claudia Pechstein will Budapest nun erst einmal genießen und am Sonntag möglichst mit einer Medaille heimkehren. «Jedes Mal, wenn ich auf dem Podest stehe, habe ich das Gefühl, der ISU eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Jetzt wieder obenauf zu sein, verschafft mir Genugtuung», bekannte sie und ärgerte sich über die Bundespolizei, die ihr weiter die Wiederaufnahme in die Sportförderung verweigert. «Ich muss unbezahlten Sonderurlaub nehmen und mich selbst versichern, damit ich für Deutschland Medaillen gewinnen darf. Das ist eine gefühlte Suspendierung», kritisierte sie im «Welt»-Interview.

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