Britta Steffen verzichtet auf einen Start über 50 Meter Freistil. Foto: David Ebener
Britta Steffen verzichtet auf einen Start über 50 Meter Freistil. Foto: David Ebener

Britta Steffen verzichtet auf einen Start über 50 Meter Freistil. Foto: David Ebener

dpa

Britta Steffen verzichtet auf einen Start über 50 Meter Freistil. Foto: David Ebener

Barcelona (dpa) - Sportsgeist, eine verschenkte Medaillenchance oder große Hoffnungen auf die Lagen-Staffel? Über den WM-Verzicht von Britta Steffen über 50 Meter Freistil darf gerätselt werden. Sie lächelte, wünschte in Barcelona einen guten Morgen - und ließ die Beobachter erneut fragend zurück.

So richtig konkrete Gründe nannten auch die Verantwortlichen nicht. «Die Gesamtheit der Belastung und dass wir im Gesamtteam gut sein wollen», sagte Lutz Buschkow. Als Leistungssportdirektor hatte er das letzte Wort. «Beide haben sich positioniert, wir haben das sehr im Einklang gemacht. Wir, die Leitung, entscheiden nach Leistung und dem, wie wir uns das vorstellen.»

Die Mitteilung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) zu diesem Thema war zuvor mager ausgefallen. Keine Athletin wurde zitiert, nur der Chefbundestrainer. «Nach einem internen Gespräch mit den Aktiven, dem verantwortlichen Trainer-Team und dem Direktor Leistungssport Lutz Buschkow sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass Daniela Schreiber den zweiten Startplatz über 50 m Freistil der Frauen neben der deutschen Meisterin Dorothea Brandt wahrnehmen wird», lautete die Formulierung von Henning Lambertz. «Auf Britta Steffen warten im Verlauf der WM viele Staffel- und Einzelrennen über 100 m Freistil.»

Viele! Der Bundestrainer traut Steffen über die 100 Meter allerhand zu. Wohlmöglich setzt der Verband auf die Lagen-Staffel über 4 x 100 Meter, bei der am selben Tag wie über 50 Meter Freistil Medaillen vergeben werden. Man müsse die «Gesamtheit der Belastung» sehen, so Buschkow und wiederholte, man habe nicht für bestimmte Strecken nominiert, sondern für die WM-Vorbereitung. Erst beim technischen Meeting muss der DSV beim Weltverband die Strecken melden. Heimcoach Frank Embacher fand die Trainingsleistung von Steffen «sehr ansprechend». Genaue Gründe der 50-Meter-Nominierung sowie das Für und Wieder dieser Entscheidung nannte auch er nicht. «Warum das im Endeffekt dann so beschlossen wurde... Es ist ja eine Entscheidung, die nicht die Sportler gefällt haben, sondern das wurde ja durch die Mannschaftsleitung so festgelegt», erklärte Embacher.

Sowohl Steffen als auch Schreiber «hatten eigentlich bekundet», dass sie die Strecke schwimmen würden, so Embacher und lobte nach dem Verzichtangebot von Schreiber die «gute Einstellung von Daniela». Im Vorfeld hatte Lambertz bekundet, dass es in der Angelegenheit «keine Direktive» in Richtung Schreiber und einen Startverzicht geben würde. Er betonte aber auch, dass geschaut werden müsse, «was für den DSV das Beste ist» und dass er dann die endgültige Entscheidung treffe.

Steffen hatte die WM-Qualifikation Ende April wegen Krankheit vorzeitig abgebrochen, war danach aber deutlich schnellere Zeiten geschwommen als Schreiber und ist die aktuelle Nummer acht der Weltrangliste über die 50 Meter Freistil. Sie war bei Olympia Vierte und hätte in Barcelona bei guter Form zum erweiterten Kreis der Medaillenkandidaten gezählt - eine Chance ist für den Verband dahin. Drei bis vier Medaillen sind das Ziel der deutschen Beckenschwimmer im Palau Sant Jordi, den das Team in den auffälligen hellgründen T-Shirts erstmals in Augenschein nahm.

Am Vorabend war noch über die Causa gesprochen worden. Erst am Morgen danach teilte der DSV das Ergebnis mit. Die Pressemitteilung müsse raus sein, sagte Steffen selbst. Dass man dazu Verständnisfragen habe, fand sie «nicht schlimm». Beantworten mochte sie diese aber nicht. Die «großzügige Geste», so Lambertz über das Angebot Schreibers, nahmen Steffen und die sportliche Leitung jedenfalls nicht an. Warum auch immer.

Wieder einmal darf über die Beweggründe nur gemutmaßt werden. Wollte Steffen der Hallenser Teamkollegin den angestammten Startplatz aus sportlicher Fairness nicht wegnehmen? Fühlt sie sich über 50 Meter nicht gut? Oder gibt es ganz andere Gründe?

Bei Olympia 2008 hatte Britta Steffen geschwiegen - und Doppelgold gewonnen. Ein Jahr später wurde sie triumphale Doppel-Weltmeisterin. 2010 musste sie wegen Krankheit pausieren, 2011 brach sie ihre WM-Teilnahme nach dem Vorlauf über 100 Meter Freistil ab und kehrte vorzeitig heim. In London sprach sie selbst über das Ende ihrer großen Zeit über 100 Meter Freistil, um dann über 50 Meter nur knapp eine Medaille zu verpassen. Seit ihrer krankheitsbedingten Aufgabe der deutschen Meisterschaften im April in Berlin hat die Profisportlerin Steffen über Höflichkeitsfloskeln hinaus nicht mehr mit der Presse gesprochen.

Schreiber hielt sich diplomatisch zurück. «Wir haben uns jetzt gemeinsam darauf geeinigt», erklärte die deutsche Vizemeisterin hinter Brandt. Es sei eine Entscheidung «von uns allen» gewesen, erzählte die Vereinskollegin von Steffen. «Ich werde dann jetzt die 50 Meter Kraul schwimmen und ich denke, es ist für mich noch mal eine positive Sache, noch mal eine Bestzeit zu erreichen.»

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