Borussias Geschäftsführer Stephan Schippers spricht im Interview über Transfer-Irrsinn, Internationalisierung und die Ziele des Clubs.

Interview
Zwei wichtige Köpfe für Borussia Mönchengladbach: Geschäftsführer Stephan Schippers (r.) und Sportdirektor Max Eberl.

Zwei wichtige Köpfe für Borussia Mönchengladbach: Geschäftsführer Stephan Schippers (r.) und Sportdirektor Max Eberl.

dpa

Zwei wichtige Köpfe für Borussia Mönchengladbach: Geschäftsführer Stephan Schippers (r.) und Sportdirektor Max Eberl.

Mönchengladbach. Seit dem Frühjahr 1999 leitet Stephan Schippers die Geschäfte bei Fußball-Bundesligist Borussia Mönchengladbach. Als der Diplom-Kaufmann vor 18 Jahren am Bökelberg begann, stand der Verein kurz vor dem finanziellen Kollaps. Gemeinsam mit dem Präsidium wurde ein Sanierungskonzept entwickelt. Fünf Jahre später konnte mit der Eröffnung des neuen Stadions dann die Kehrtwende eingeleitet werden. Am Freitag wird Schippers 50 jahre alt. Mit uns sprach er über den Transfer-Irrsinn im Fußball-Geschäft, Internationalisierung und die Ziele des Vereins.

Herr Schippers, in den vergangenen Wochen spielte das Transfer-Theater verrückt. Haben Sie für Deals in dieser Größenordnung noch Verständnis?

Schippers: Das muss jeder Klub für sich selber verantworten. Ich kann nur für uns sprechen. Wir finden das überhaupt nicht richtig. Das sind Zahlen, mit denen wir uns nicht befassen. Inzwischen stoßen wir in diesem Geschäft an Grenzen, da muss man vorsichtig sein. Der Fußball muss authentisch bleiben, und wir können jeden Fan verstehen, wenn er bei solchen Summen Magenschmerzen bekommt. So geht es uns auch.

Entfernt sich der Fußball nicht allmählich von der Basis, wenn ein Scheich oder Oligarch in einem Verein alle Macht besitzt?

Schippers: Man entfernt sich sicherlich ein gutes Stück von der Fan-Basis. Und das ist die große Gefahr, keine Frage. Selbst wenn ein wirtschaftliches Konzept dahinter stecken sollte, habe ich große Bedenken ob solcher Transfers. Letztendlich muss das aber jeder einzelne Verein für sich entscheiden.

Der Verein (rund 82000 Mitglieder) verfügt über ein 30 Hektar großes Gelände. Das Eigenkapital beträgt 88 Millionen Euro – demgegenüber stehen Verbindlichkeiten von 48 Millionen Euro.

Der Verein möchte im Borussiapark bei der EM 2024 Spiele ausrichten, sollte Deutschland den Zuschlag erhalten. Bei internationalen Spielen fasst die Arena 46 297 Zuschauer.

Und wie ist das mit dem Financial Fair Play zu vereinbaren?

Schippers: Ob diese Summen noch mit Financial Fair Play vereinbar sind, ist fraglich. Aber das alles ist Sache der Uefa. Die hat die Prinzipien in richtiger Absicht aufgestellt.

Erstmals seit zwei Jahren spielt Borussia Mönchengladbach nicht in der Champions League. Wie verkraftet das der Verein?

Schippers: Eines muss ich vorab klar stellen. Sicher haben wir Ziele und wollen so erfolgreich wie möglich sein. Und die Erwartungen sind immer hoch. Aber selbstverständlich ist es nicht, dass wir international permanent dabei sind. Es war sicher etwas Außergewöhnliches, dass wir zuletzt zweimal in der Champions-League vertreten waren. Das waren große Momente für alle, die mit uns sympathisieren. Einen Europapokalplatz zu verpassen, bedeutet allerdings nicht, dass wir unseren Kader gleich verkleinern oder verändern müssen. Die Einstelligkeit ist unser erstes Ziel, und wenn andere Teams schwächeln, müssen wir gewappnet sein.

Borussia hat 2016 mit einem Umsatz von 200 Millionen Euro und einem Gewinn von knapp 27 Millionen Euro Vereinsrekorde erzielt. Ist noch mehr drin?

Schippers: Das Jahr 2016 war sicher außergewöhnlich, eben ein Jahr mit Bestmarken in fast allen Bereichen. Die Zukunft wird zeigen, was noch machbar ist. Tatsache ist, dass der Fußball durch den sportlichen Erfolg bestimmt wird. Nichtsdestotrotz schreitet die Digitalisierung und Internationalisierung stetig voran. Auch der Bereich Vermarktung wird immer interessanter. Demnächst wird die DFL den Vereinen die Möglichkeit einräumen, Einnahmen durch virtuelle Werbung zu generieren, indem man beispielsweise unterschiedliche Werbepartner auf der Bande am Spielfeldrand virtuell in die Welt schickt. Nach China zum Beispiel oder in die USA. Deshalb arbeiten wir seit zwei Jahren intensiv daran, die Internationalisierung voranzutreiben. Das betrifft auch unsere Fans. Es kann ja nicht verkehrt sein, dass wir sie rund um den Globus erreichen. Und das geht mit all den uns zur Verfügung stehenden Medien. All das geschieht allerdings nicht um jeden Preis.

Wie weit sind Ihre Aktivitäten denn bereits gediehen?

Schippers: Es gibt gute Ansätze, es tut sich was. Wir sind mit der DFL im Gespräch, aber noch ist nichts spruchreif. China ist jedenfalls ein immens großer Markt, und der Fußball dort ein großes Thema. In der Regel haben Konzernchefs das Sagen in den Klubs, die Chinesen wollen alles über Fußball wissen, auch über Strukturen, da können wir mit einer Partnerschaft einiges beisteuern. Aber es ist nicht so, dass Borussia Mönchengladbach demnächst einen chinesischen Hauptsponsor präsentieren würde. Eines sollte man in diesem Zusammenhang nicht vergessen: Bei aller Kommerzialisierung darf man seine Heimat, seinen Kern niemals aus den Augen verlieren, das ist ja auch ein sensibles Thema unter den Fans. Die Nähe zu ihnen hat einen enorm hohen Stellenwert für uns, und das wird so bleiben.

Wie wichtig ist die Pflege von Werten?

Schippers: Für uns ist das sehr wichtig, das fängt schon bei den Jugendlichen an. Ich meine hier das Vermitteln von Werten und Tugenden. Wofür stehen wir? Für jungen, mutigen und frischen Fußball, untermauert von unserer guten Nachwuchsarbeit. Wir sind die Fohlenelf. Das ist nun mal unsere DNA. Und deswegen ist es unser Credo, mehr denn je unsere Jugendarbeit zu pflegen und junge Fußballer an die erste Mannschaft heranzuführen.

Der Zusammenhalt im Verein und ein Nachwuchs-Leistungszentrum – das ist die Antwort des FC Bayern auf die Neymars dieser Welt. Können Sie Hoeneß’ Aussagen nachvollziehen?

Schippers: Das kann ich gut nachvollziehen. Man muss sich dessen bewusst sein, wo man herkommt und wo man steht. Diesem Ideal sollte man treu bleiben, das gilt auch für uns.

Der Borussia-Park wächst. Ende des kommenden Jahres ist der Neubau mit dem Museum „Fohlenwelt“ und einem Hotel fertig. Gibt es noch weitere Pläne?

Schippers: Nach dem Fohlencampus nebenan ist der Neubau der nächste große Akt im Borussia-Park. Ein wahrer Kraftakt, der aber in die richtige Richtung führt. Hinzu kommt noch das Jugend-Internat mit noch mehr Unterbringungsmöglichkeiten.

Mitte September entscheidet sich, ob Mönchengladbach Schauplatz der Euro 2024 wird. Erfüllt sich der Traum?

Schippers: Das wäre wunderbar. Für die Stadt, für die Region, für die Fans, für den gesamten Verein. Das Stadion bringt alle Voraussetzungen mit, ich denke, der Zeitpunkt für Mönchengladbach ist jetzt gekommen.

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