Düsseldorf (dpa) - Das Leben eines erfolgreichen Tischtennis-Profis in China beschreibt Timo Boll immer so: Wenn er in ein Hotel eincheckt, sperrt ihm die Polizei den Weg frei. Wenn er in diesem Land irgendetwas einkaufen möchte, muss er sich verkleiden.

Tischtennis ist in China ein Massenereignis, Millionen Menschen spielen es, Millionen sind verrückt danach. Man kann im Eishockey gegen Kanadier gewinnen oder im Rodeln neuerdings auch mal gegen einen Deutschen. Aber im Tischtennis gegen Chinesen? Das ist, zumindest auf höchstem Niveau, kaum möglich.

Bei den vergangenen zehn Weltmeisterschaften gewann China 73 von 80 möglichen Goldmedaillen in den Wettbewerben Einzel, Doppel und Mixed. Auch bei der WM in Düsseldorf wäre an diesem Wochenende alles andere als ein Erfolg von Ma Long oder Fan Zhendong oder Ding Ning eine große Überraschung.

«Ganz nüchtern betrachtet muss ich einfach sagen: In einem direkten Duell gegen mich ist jeder der Chinesen bei dieser WM der haushohe Favorit», sagte Dimitrij Ovtcharov. Deutschlands und Europas Nummer eins steht immerhin auf Platz fünf der aktuellen Weltrangliste - und ist damit der beste Nicht-Chinese in diesem Ranking.

Die Frage ist: Woher kommt diese Überlegenheit? Wie kann ein einziges Land eine gesamte Sportart so dominieren?

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe, methodische und historische. Die Tischtennis-Übermacht China lebt von einem nahezu perfekt funktionierenden System, in dem unzählige Nachwuchstalente mit massiver staatlicher Unterstützung zu Weltklasse-Spielern ausgebildet oder besser gesagt: gedrillt werden.

Dieses System geht aber auf nur einen Moment zurück, den der Staats- und Parteichef Mao Zedong damals allen Ernstes eine «spirituelle Atombombe» nannte: 1959 gewann ein Spieler namens Rong Guotuan in Dortmund den WM-Titel im Einzel. Es war der erste weltweite Erfolg eines chinesischen Sportlers überhaupt. «Und damit war auch Tischtennis der erste Sport, über den die Chinesen so etwas wie eine Selbstbestätigung gefunden haben», sagte die deutsche Damen-Bundestrainerin Jie Schöpp der Deutschen Presse-Agentur. Sie wurde in China geboren und kam 1989 mit 21 Jahren nach Deutschland.

Die staatliche Förderung, die Sichtung von Talenten: All das wies Mao Zedong schon den 60er-Jahren an. Und vieles von dem funktioniert nur in einem autoritären System, wie China es ist. Denn welche deutschen oder französischen Eltern würden ihr Kind schon mit fünf Jahren in ein Nachwuchszentrum schicken, wo es vier-, fünfmal am Tag trainiert? «Mit 13 Jahren hat ein Kind in China schon hunderte von Stunden mehr an der Tischtennis-Platte verbracht als bei uns», sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf. Dieser Vorsprung sei nicht mehr aufzuholen.

Jie Schöpp hat dieses System selbst durchlaufen als Kind. Sie lebte in China mehrere Jahre in einem Sportinternat. Tischtennis in ihrer Heimat - das sei wie ein Kreislauf. «Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder zum Tischtennis, immer mehr Kinder träumen davon, Weltmeister zu werden. Der große Erfolg der chinesischen Spieler wirkt sehr anziehend auf die Kinder», erklärte sie. Hinzu kommt: «Die Chinesen besitzen das meiste Wissen über Tischtennis. Die Ausbildung der Spieler ist dort am besten, die Konkurrenz am größten.»

Nirgendwo sonst könne man mit Tischtennis zweistellige Millionen-Beträge verdienen, sagt Schöpp. Nirgendwo sonst ist die Anerkennung so groß. Timo Boll kennt das bereits seit Jahren. Er ist in China noch viel populärer als in Deutschland.

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