Aufgetrumpft
Andrea Petkovic hat ein starkes Jahr hinter sich.

Andrea Petkovic hat ein starkes Jahr hinter sich.

dpa

Andrea Petkovic hat ein starkes Jahr hinter sich.

Frankfurt/Main (dpa) - John McEnroe begrüßte sie mit den lässigen Worten «Hey Petkorazzi», Venus Williams tanzte in der Umkleide ihren «Petko-Dance»: Andrea Petkovic hat sich mit der besten Saison ihrer Tenniskarriere auch Respekt bei den ganz Großen erarbeitet.

Als Weltranglisten-32. ist die Darmstädterin mit serbischen Wurzeln die derzeit bestplatzierte Deutsche. Gern kokettiert sie auch damit, ein Paradiesvogel mit zig Interessen und intellektuell zu sein. Die französische Sportzeitung «L'Equipe» nannte die 23-Jährige mit 1,2er- Abitur, die nebenher noch Politik studiert, schon «die künftige Kanzlerin». Im Interview der Nachrichtenagentur dpa spricht sie über ihre Ziele in der nächsten Saison und ihre Lieblingspolitiker.

Frau Petkovic, Sie beenden das Jahr als Deutschlands Nummer eins. Wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

Petkovic: «Es war meine beste Saison bis jetzt. Ich habe mich stark verbessert und vor allem auf der WTA Tour etabliert. Sicherlich gab es einige Tiefpunkte wie den Fed Cup in Tschechien, wo ich beide Einzel verliere, und das Match bei den French Open gegen Kusnezowa, das ich mit vier Matchbällen eigentlich gewinnen muss. Auf der anderen Seite habe ich auch erstmals die vierte Runde eines Grand Slams erreicht. Am Ende der Saison steht, dass ich mein Ziel erreicht habe, das war die Setzung bei den Grand Slams.»

Viele würden an Rückschlägen wie zum Beispiel im Fed Cup zerbrechen. Sie scheinen eher gestärkt daraus hervorzugehen~

Petkovic: «Es ist ein großes Talent von mir, dass ich jeden Rückschlag schnell verarbeite. Was mir an Talent vielleicht fehlt, mache ich dadurch wett. Ich lerne schnell aus Fehlern und bin dann auch in der Lage, diese abzustellen. Was nichts daran ändert, dass ich dann noch tausend andere Dinge falsch mache. Aber immerhin mache ich die Fehler, die ich schon mal gemacht habe, nicht noch einmal.»

Was fehlt Ihnen denn noch zu den Top-Spielerinnen?

Petkovic: «Ich möchte den Aufschlag weiter verbessern, ich glaube, dass da bei meiner Größe und meiner Kraft noch viel mehr drin ist. Insgesamt sind es Kleinigkeiten, die noch fehlen, nach oben hin aber sehr viel ausmachen. Zudem werde ich weiter an meiner Fitness feilen. Ich gehöre zwar schon zu den fittesten Spielerinnen auf der Tour, aber mein Anspruch ist es, die fitteste Spielerin zu sein.»

Hatten Sie das Gefühl, seit dem Sprung unter die besten 35 auf der Tour anders wahrgenommen zu werden?

Petkovic: «Schon ein bisschen. Ich habe in dieser Saison zum Beispiel mit fast allen Top-Ten-Spielerinnen trainiert. Letztes Jahr stand ich zwar auch schon auf Rang 50, aber da hatte ich noch nichts mit denen zu tun. Jetzt wissen eine Kim Clijsters oder Justine Henin, dass es keine verlorene Zeit ist, wenn sie mit mir trainieren. Diesen Ruf muss man sich erst mal erarbeiten und den habe ich jetzt. Aber es ist nun nicht so, dass ich nur noch mit den Top-Ten-Mädels rumhänge.»

Mit Julia Görges (40.) hat eine weitere Deutsche einen Sprung nach vorne gemacht. Wie beurteilen Sie das deutsche Damen-Tennis derzeit?

Petkovic: «Wir sind auf einem gute Weg. Bei Julia war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Fitness ihrem Spiel anpasst. Sie ist für mich eine sichere Top 20, wenn nicht sogar höher. Auch Angelique Kerber hat viel Potenzial, war leider viel verletzt. Ich bin über die Entwicklung sehr froh; meine Priorität liegt ganz klar darauf, Tennis wieder ins Blickfeld zu rücken. Ich liebe diesen Sport, seitdem ich ein kleines Kind bin. Es hat mir in der Seele wehgetan, als nach Boris Becker und Steffi Graf das Interesse gesunken ist. Ich alleine kann daran nichts ändern, aber wenn wir mehrere sind und die Leistungen weiter nach oben gehen, dann können wir etwas bewegen.»

Welche Ziele haben Sie sich persönlich für die neue Saison gesteckt?

Petkovic: «Mein Ziel ist es immer, mich zu verbessern. Ich finde es wichtig, dass man das unabhängig von der Ranglisten-Position sieht. Viele sind im Ranking schnell geklettert, dann aber genauso schnell wieder abgestürzt. Deshalb setze ich mir zusammen mit meinem neuen Trainer Petar Popovic tennisspezifische Ziele wie zum Beispiel beim Aufschlag und am Ende der Saison sehe ich dann, ob es geklappt hat.»

Sie haben kein Management, bearbeiten Medien- oder Sponsorenanfragen fast komplett allein. Und via Twitter und ein Video-Blog hegen und pflegen sie ihre Fans. Übernehmen Sie sich nicht ein wenig?

Petkovic: «In diesem Jahr ist es schon sehr viel geworden, und ich habe es vielleicht auch ein bisschen unterschätzt. Aber ich brauche meine Freiheiten. Sobald ich diese nicht mehr habe und in meiner Persönlichkeit eingeschränkt werde, fühle ich mich in Ketten und möchte zerbersten. Ich habe diese Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit schon mein ganzes Leben lang gebraucht.»

Sie haben im Interview mit dem «Spiegel» gesagt, es gebe viele Dinge, die sie besser könnten als Tennis zu spielen. Was zum Beispiel?

Petkovic: «Ich meinte damit, dass mir vieles sehr viel leichter fällt als Tennis. Es fliegt mir vieles zu, da kann ich mich sehr glücklich schätzen. Die Schule zum Beispiel ist mir sehr leicht gefallen, auch das Studium, das ich nebenbei mache. Tennis ist für mich dagegen Arbeit. Ich bin kein Naturtalent wie ein Pete Sampras. Ich muss mir alles hart erarbeiten, aber gerade das ist die Herausforderung. Jeder Erfolg, den ich mir im Tennis hole, gibt mir mehr, als alles andere, was mir so einfach fällt.»

Woher kommt dieses Anspruchsdenken?

Petkovic: «Das hatte ich schon immer. Es gibt dazu eine nette Anekdote: Als meine jüngere Schwester angefangen hat zu sprechen, sollte ich ihr helfen, ein paar Wörter zu lernen. Und die Wörter, die ich ihr beigebracht habe, waren 'Versicherungsangestellter' oder 'Bruttoinlandsprodukt'.»

Haben Sie dieses Anspruchsdenken auch ihrer Umgebung gegenüber?

Petkovic: «Früher habe ich unbewusst das, was ich von mir selbst erwarte, auch von anderen erwartet. Das war sehr anstrengend für beide Seiten. Ich konnte da auch mal sehr unangenehm werden. Bei mir kommen zwei ganz schreckliche Sachen zusammen: Der unbändige Ehrgeiz und Perfektionismus. Aber ich habe gelernt, andere Leute so zu akzeptieren, wie sie sind, und sie zu lassen.»

Sie studieren an der Fernuniversität Hagen im dritten Semester Politik, haben auch mal gesagt, Sie könnten sich vorstellen später eine eigene Partei zu gründen. Wer ist Ihr Lieblingspolitiker?

Petkovic: «Helmut Schmidt. Für mich ist er einfach das Aushängeschild von Integrität und Authentizität. Barack Obama finde ich auch super, ich finde nur, dass er sich zu viel zugemutet hat.»

Zum Saisonende haben Sie mit dem «Petko-Dance» für Schlagzeilen gesorgt. Werden Sie auch im neuen Jahr nach Siegen tanzen?

Petkovic: «Nach den US Open war die Sache für mich eigentlich erledigt. Aber dann haben viele Leute gesagt, sie seien extra deswegen gekommen. Darum habe ich ihn wieder eingeführt und werde ihn die ersten Turniere wohl wieder tanzen. Aber dann muss ich mir mal was Neues überlegen.»

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