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Novak Djokovic verabschiedet sich mit verzogenem Gesicht und erhobenen Daumen vom Publikum. Foto: Mark Baker

Novak Djokovic verabschiedet sich mit verzogenem Gesicht und erhobenen Daumen vom Publikum. Foto: Mark Baker

dpa

Novak Djokovic verabschiedet sich mit verzogenem Gesicht und erhobenen Daumen vom Publikum. Foto: Mark Baker

Melbourne (dpa) - Selbst Ex-Trainer Boris Becker war ein bisschen geschockt: Tapfer lächelte Novak Djokovic nach seinem sensationellen Zweitrunden-Aus bei den Australian Open ins Publikum, reckte den Daumen in die Höhe und klopfte sich da an die Brust, wo das Herz sitzt.

Wenig später versuchte der im Vorjahr noch unerreichbar Scheinende das zu erklären, was Becker als neue Weichenstellung für seinen ehemaligen Schützling einordnete - und dem Grand-Slam-Auftakt des Jahres nach dem Aus des Seriensiegers viel Spannung verleiht.

«Es war einer dieser Tage, an denen man sich nicht toll auf dem Platz fühlt, nicht viel Rhythmus hat und der Spieler, gegen den man spielt, den Ball sehr gut fühlt», fasste Djokovic seine Sicht auf das 6:7 (8:10), 7:5, 6:2, 6:7 (5:7), 4:6 gegen den Usbeken Denis Istomin zusammen. Der Champion von 2008, 2011, 2012, 2013, 2015 und 2016 verpasste frühzeitig die Chance, mit einem siebten Triumph zum alleinigen Rekordsieger vor dem Australier Roy Emerson aufzusteigen.

«Das ist ein Erdrutsch», urteilte Becker als Experte für den TV-Sender Eurosport über die Bedeutung des 4:48 Stunden langen Spektakels für das Turnier. «Viele Spieler riechen jetzt Lunte.» Zu ihnen zählt unter anderem der Weltranglisten-Erste Andy Murray, der alle seine fünf Finals in Melbourne verlor und dabei allein viermal an Djokovic scheiterte.

«Zuerst tut es mir leid für Novak», meinte sogar Sieger Istomin, der nur die Nummer 117 der Weltrangliste ist, bisher fünfmal zumeist chancenlos gegen Djokovic war und feuchte Augen auf dem Platz bekam. «Das ist der größte Sieg, ich weiß jetzt, dass ich mit diesen Jungs mithalten kann», sagte der 30-Jährige, der im russischen Orenburg geboren wurde, von seiner Mutter trainiert wird und durch seine neon-grüne Brille den Durchblick behielt, als es darauf ankam. «Er ist kein 19-Jähriger, sondern ein Veteran. Er hat seine Chance gewittert und genutzt», befand Beobachter Becker.

«Ich kann nur sagen: Hut ab. Er war der bessere Spieler in den entscheidenden Momenten. Ich habe bis zum letzten Ball alles probiert», sagte Djokovic. Becker allerdings kritisierte, Djokovic habe viel zu defensiv und passiv gespielt, nie die Initiative übernommen und über den Kampf zum Spiel finden wollen.

Vor sieben Monaten hatte Becker im Pariser Stade Roland Garros noch erlebt, wie der 29-Jährige den Gipfel seiner Karriere erklomm. Mit dem lange ersehnten ersten French-Open-Triumph hatte Djokovic alle vier Grand-Slam-Titel zur gleichen Zeit in seinem Besitz und schien an der Spitze der Weltrangliste unantastbar.

Doch es folgten schwächere Ergebnisse wie das Erstrunden-Aus gegen den späteren Olympia-Zweiten Juan Martin Del Potro in Rio und das Eingeständnis, phasenweise vom Tennis abgelenkt zu sein. Im November verdrängte Murray den Gewinner von zwölf Grand-Slam-Titeln von der Spitze der Weltrangliste, im Dezember endete nach drei Jahren die Zusammenarbeit mit Becker. Dieser stellte vor einigen Wochen fest, Djokovic habe nicht mehr so viel Zeit wie nötig auf Trainingsplatz verbracht und wisse das auch. Dies kommentierte sein einstiger Schützling in Melbourne nicht und lobte stattdessen seinen Ex-Coach.

Besonnen blieb der gebürtige Belgrader auch nach seinem ersten Zweitrunden-Aus bei einem Grand-Slam-Turnier seit Wimbledon 2008. Was seit dem Finalsieg in Paris Anfang Juni passiert ist, wird Djokovic sich nun zu Hause im Kreis der Familie überlegen. Jetzt sei noch nicht die Zeit für tiefgreifende Analysen, meinte er noch unter dem frischen Eindruck der Niederlage in der Rod-Laver-Arena.

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