Wattenscheid hat unter „Boss“ Steilmann großen Fußball erlebt. Heute spielt die SG 6. Liga.

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Legenden: Der inzwischen verstorbene „Boss“ Klaus Steilmann und SG-Ex-Trainer Hannes Bongartz.

Legenden: Der inzwischen verstorbene „Boss“ Klaus Steilmann und SG-Ex-Trainer Hannes Bongartz.

Horstmüller

Legenden: Der inzwischen verstorbene „Boss“ Klaus Steilmann und SG-Ex-Trainer Hannes Bongartz.

Wattenscheid. Fangen wir aus gutem Grund mit der Spitzmarke an. So nennen Journalisten den Ortsnamen, der am Anfang eines Artikels steht. Diese Spitzmarke müsste bei einem Bericht aus dem Bochumer Stadtbezirk Wattenscheid eigentlich „Bochum“ heißen. Doch wer weiß, welche Wunden 1975 die Eingemeindung der bis dahin eigenständigen Kommune Wattenscheid ins ungeliebte Bochum hinterlassen hat, der kann einen Artikel über dieses Kapitel des Ruhrgebietsfußballs auf keinen Fall mit der Spitzmarke „Bochum“ beginnen.

Dem Boss hätte das gefallen. Klaus Steilmann ist der Macher dieser Erfolgsstory, und er gehörte zu den erklärten Gegnern der Eingemeindung. Demonstrativ meldete er seine Autos nicht in Bochum, sondern im benachbarten Essen an – er wollte das „WAT“ auf keinen Fall gegen ein „BO“ eintauschen. Noch kurz vor seinem Tod, der ihn im Alter von 80 Jahren im November 2009 ereilte, nannte er den 11. Dezember 1992 als einen der schönsten Tage seines Lebens – damals hatten die „Null-Neuner“ den VfL Bochum mit 2:0 besiegt.

Dem FC Bayern 1991 die Titelchance vermasselt

Es war nicht der einzige Glanztag dieser gewachsenen, bodenständigen Mannschaft, die am 10. Mai 1990 durch ein 5:1 gegen Hertha BSC Berlin den Aufstieg in die Bundesliga schaffte. Uli Hoeneß nannte es „das Schlimmste, was der Bundesliga passieren konnte“. Ein knappes Jahr später vermasselten die Wattenscheider dem FC Bayern und ihrem Manager Hoeneß mit einem 3:2-Sieg am drittletzten Spieltag die letzte Titelchance.

„Dass wir es damals überhaupt in die Bundesliga geschafft haben, war schon eine Sensation“, erzählt Hannes Bongartz, „aber dass wir uns da vier Jahre lang gehalten haben, war unglaublich und wäre heute völlig unglaublich.“ Bongartz war Trainer, und so wie Steilmann der Vater des Vereins war, so war der ehemalige High-Tech-Fußballer Bongartz der Vater dieser Mannschaft.

Steilmann hatte ein Faible für ehrliche Arbeit. In Wattenscheid wurde mit einer Viererkette im Raum verteidigt, als bei der Konkurrenz noch der Libero mit Manndeckern agierte. Im Grunde war Wattenscheid so etwas wie das Freiburg des Westens. Nur leider kaum wahrgenommen.

Britta Steilmann sägte Trainer Bongartz ab

Als „Graue Maus“ in vielen Medien verunglimpft, vermisste die Fußball-Nation die Wattenscheider nicht, als es sie im vierten Bundesligajahr 1994 erwischte. Die Schlagzeilen-Maschine sprang nur noch an, als Britta Steilmann die Führung übernahm. Die Tochter des Klubpatriarchen provozierte mit kessen Sprüchen und verrückten Ideen – und meinte, Trainer Bongartz zum Rücktritt treiben zu müssen. „Erster Trainer von Frau gefeuert“, titelte „Bild“.

Wattenscheid stieg ab, wurde durchgereicht in die Regionalliga Nord, kehrte noch ein Mal (1997) in die 2. Bundesliga zurück und stürzte schließlich ab: Heute ist die sechstklassige Verbandsliga Westfalen die sportliche Heimat.

Wenn man mit Hannes Bongartz an der Lohrheide vorbeifährt, spürt man, wie nah ihm der Niedergang geht. Hier hat er gespielt, hier hat er trainiert, hier hat er gelebt. „Wehmut und Traurigkeit, das ist es, was ich empfinde“, sagt er. „Hier wird es nie wieder Profifußball geben. Das, was hier nach unserer Bundesligazeit kaputt gegangen ist, ist ganz sicher nicht mehr zu reparieren.“

Natürlich hängt der Absturz auch mit dem Rückzug vom „Boss“ zusammen, mit dem Niedergang seiner Firma. Aus einer kleinen Schneiderei machte Steilmann Europas größten Textilkonzern (Motto: „Mode für Millionen, nicht für Millionäre“). Auf dem Tiefpunkt musste das Unternehmen an einen italienischen Konkurrenten verkauft werden.

„Wir haben es damals versäumt, uns auf einen Abstieg vorzubereiten“, sagt Bongartz heute. „So aber ist alles zusammen gebrochen, wie bei einem Haus, das explodiert.“

Immerhin: Geblieben ist eine moderne Sportanlage mit guter Infrastruktur. Und erstklassigen Fußball gibt es immer noch: A-, B- und C-Junioren der SG 09 spielen in der höchsten Liga. Der Boss würde sich freuen.

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