Serie: Tennis Borussia Berlin kämpft gegen den Abstieg aus der 5. Liga – und gegen den finanziellen Ruin.

Serie
Mäzen Jack White, Ex-Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger und Trainer Georg Gawliczek (v.l.).

Mäzen Jack White, Ex-Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger und Trainer Georg Gawliczek (v.l.).

Archiv

Mäzen Jack White, Ex-Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger und Trainer Georg Gawliczek (v.l.).

Berlin. „Wo bitte geht es zur Borussia? Immer den Bach runter“ – der Kalauer in der Berliner Fußballszene steht für die jüngere Geschichte des Traditionsklubs Tennis Borussia Berlin. Ein Mythos für die Berliner und gleichzeitig ein Begriff für die schlechten Facetten des Fußballs. Zweimal spielte TeBe in der Bundesliga, Spieler wie Karl-Heinz Schnellinger, Ditmar Jakobs oder Martin Pickenhagen kickten für die Charlottenburger, die jetzt in den Niederungen des Fußballs einmal mehr vom finanziellen Ruin bedroht sind.

„Der größte Erfolg ist, dass es uns überhaupt noch gibt“

Allein die letzte Nachricht von der Borussia macht das Dilemma deutlich: In das seit Mai 2010 laufende Insolvenzverfahren konnten unplanmäßig 40 000 Euro gezahlt werden, weil der HSV Jerome Boateng für 12,5 Millionen Euro zu Saisonbeginn an Manchester City transferiert hatte. Da Boateng einst in der Jugend der Berliner Borussia gekickt hatte, flossen 40 000 Euro in die Insolvenzkasse. Wenn es gut läuft, soll das Insolvenzverfahren im Frühjahr 2011 abgeschlossen werden, verkündete der Vorstandsvorsitzende Andreas Voigt vor Weihnachten. Damit wäre das finanzielle Aus einmal mehr abgewendet, der sportliche Niedergang aber nicht gestoppt.

Schön war die Zeit

18 Trainer in den vergangenen 20 Jahren, darunter so bekannte Namen wie Rainer Zobel, Hermann Gerland, Winfried Schäfer und Mirko Slomka stehen in der Bilanz des siechenden Abstiegs. TeBe spielt heute in der fünftklassigen Oberliga Nordost/Nord und ist als Tabellenvorletzter stark abstiegsgefährdet. „Der größte Erfolg ist, dass es uns überhaupt noch gibt“, sagt Stadionsprecher Karsten Bangl, seit zehn Jahren einer der Getreuen, die vor allem eines wollen: Den Mythos bewahren, der in Urzeiten mit Sepp Herberger als Spieler und später Trainer seinen Ursprung hatte. Mitte der siebziger Jahre erlebte der Verein mit dem Aufstieg 1974/75 unter Trainer Georg Gawliczek und mit Karl-Heinz Schnellinger in die Bundesliga seine Blütephase.

TeBe spielte mit dem bis dahin teuersten Zweitligakader aller Zeiten

Dem unmittelbaren Abstieg mit 16:52 Punkten folgte ein Jahr später erneut der Aufstieg und zu Saisonende wieder der Gang in die zweite Liga. Als nach der Saison 1980/81 die beiden 2. Bundesligen zu einer eingleisigen Spielklasse vereinigt wurden, musste TeBe den Gang in die Drittklassigkeit antreten. Zwischen 1993 und 2000 erlebte der Verein eine kurze Blütephase mit dem Wiederaufstieg 1993/94 in die 2. Liga. In diese Phase fiel die fünfjährige Amtszeit des Schlagerproduzenten Jack White, der viel Geld investiert hatte. Als Horst Nußbaum spielte White selbst bis 1976 bei den TeBe-Amateuren.

Rot-Weiss Essen, Wuppertaler SV, Fortuna Köln oder Bayer Uerdingen – ihre Namen klingen nach vergangener Zeit und einst großem Fußball. Heute fristen diese Klubs im Amateurfußball ein Dasein zwischen Nostalgie und Überlebenskampf. Wir rufen die Erinnerungen wach.

1974/75, 1976/77, Trainer waren Georg Gawliczek und Rudi Gutendorf

Hubert Birkenmeier, Ditmar Jakobs, Karl-Heinz Schnellinger, Norbert Siegmann, Benny Wendt
 

Olympiastadion, 75 000 Plätze
 

12. Februar 1977. Europapokalsieger Bayern München (mit Maier, Beckenbauer, Hoeneß) wird mit 3:1 bezwungen, 50 000 glauben an den Klassenerhalt

Abstiegskandidat in der Nordstaffel der Oberliga Nordost (5. Liga)

Nach dem White-Ausstieg kam der Verein in die Schlagzeilen wegen des Investments der „Göttinger Gruppe“, die mit ihren Millionen TeBe Ende der neunziger Jahre in den Europacup führen wollten. Aus weniger sportlichen, als vielmehr kapitalistischen Motiven: Die Investitionen dienten einzig und allein dem Zweck, den Verein an die internationale Spitze zu führen, um dann dort dann die erhofften Gewinne abzuschöpfen. Weil Hermann Gerland der große Erfolg nicht zugetraut wurde, verpflichteten die Göttinger Investoren Winfried Schäfer, der mit dem bis dahin teuersten Zweitligakader aller Zeiten aber erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt sicherte.

Vor allem im Osten wurde der neureiche Verein angefeindet

Nach finanziellen Ungereimtheiten um den Hauptsponsor erhielt TeBe 2000 keine Lizenz mehr für den Profifußball. Nach dem Abstieg aus der Regionalliga 2001 kickte Tennis Borussia in der viertklassigen Oberliga Nordost, die nach der Einführung der 3. Liga zur fünften Liga wurde. Noch heute leidet die Borussia unter den Spätfolgen des Kapital-Deals. Insbesondere im Osten wurde der neureiche Verein damals herbe angefeindet, was die kleine aber feine eigene Fangemeinde enger zusammenrücken ließ. Die junge Fan-Szene besteht heute zum großen Teil aus Studenten, die für einen politisch korrekten Verein kämpfen und die sich in der „TeBe Party Army“ organisiert haben. Als Tabellenvorletzter im laufenden Insolvenzverfahren hat der Verein derzeit nur ein Ziel: Finanziell und sportlich überleben.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer