Für den SSV Ulm kann es nur besser werden. Nach der Insolvenz muss der Verein künftig in der Oberliga weitermachen.

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Fortune Sascha Rösler spielte vor 11 Jahren auch im Trikot des SSV Ulm.

Fortune Sascha Rösler spielte vor 11 Jahren auch im Trikot des SSV Ulm.

Dieter Wiechmann

Fortune Sascha Rösler spielte vor 11 Jahren auch im Trikot des SSV Ulm.

Ulm. 564 Kilometer sind es vom sächsischen Kirschau ins Donaustadion. Friedrich Stoll fährt die Strecke immer wieder gerne, fuhr sie in der Vergangenheit und wird auch in Zukunft unterwegs sein – nur, um die Heimspiele seines SSV Ulm 1846 sehen zu können. Er, der 42-jährige Schornsteinfeger aus dem Landkreis Bautzen ist der Vorsitzende des Spatzen-Fanclubs Sachsen.

Momentan ist Winterpause, und Stoll sitzt traurig zu Hause. Und trotzig. „Wir bleiben treu, auch wenn die momentane Situation sehr enttäuschend ist“, sagt er. Tatsächlich gibt es für seine finanziell angeschlagenen Ulmer keine Rettung mehr, sie müssen ein Insolvenzverfahren eröffnen. Wie schon 2001. Waren das noch Zeiten, als beim SSV 1846 Erstligafußball gekickt wurde.

Nur knapp verpassten die Spatzen den Klassenerhalt

Exakt ausgedrückt war dies in der Saison 1999/2000 der Fall. 35 Punkte ergatterten die Ulmer damals – und hätten die Schwaben ihr letztes Auswärtsmatch bei Eintracht Frankfurt gewonnen, wäre am Schluss sogar der Klassenerhalt gelungen. Sie taten’s nicht, unterlagen mit 1:2.

Keeper Philipp Laux erinnert sich: „Grenzenlose Begeisterung, unglaubliche Leidenschaft, großartige Siege, unfassbare Niederlagen, eine Region im Ausnahmezustand, eine sympathische Mannschaft, enthusiastische Fans, ein Verein mit Herz, einfach Emotionen pur.“

Schornsteinfeger Stoll blickt ebenfalls gern zurück: „Das eine Jahr in der Bundesliga war wie ein Traum für uns. Schade, dass nicht viel davon übrig geblieben ist.“ In der Tat: In der Ersten Liga lag der Ulmer Zuschauerschnitt bei 22 341 pro Heimpartie, aktuell verirren sich nur noch 1250 Fans zu den Spielen ins Donaustadion.

Das Loch in der Vereinskasse wuchs rapide

Die großen Sponsoren machen inzwischen ebenfalls einen Bogen um den SSV 1846. Die Gründe: Fehler in der Führungsetage, die Beteiligung von drei Akteuren (Davor Kraljevic, Marijo Marinovic und Dinko Radojevic) am jüngsten deutschen Wettskandal, keine Zuschauer, keine potenten Geldgeber.

Das Loch in der Kasse wuchs rapide. Um die Eröffnung des Insolvenzverfahrens vermeiden zu können, hätten kurzfristig 800 000 Euro beschafft werden müssen – ein Ding der Unmöglichkeit.

An Versuchen mangelt es nicht: Der „Solidarpakt Ulmer Spatzen“ wurde gegründet, um mit verschiedenen Aktionen Geld heranzuschaffen. Die treuen Anhänger kämpfen um ihren Verein. Dass das Insolvenzverfahren nun eröffnet wird, ändert nichts daran, dass der Solidarpakt eine Fortsetzung findet. Jeder Euro wird benötigt, um den Spielbetrieb aufrecht erhalten zu können.

„Obwohl wir als Zwangsabsteiger feststehen und alle Partien für die Gegner gewertet werden, haben wir in der laufenden Saison Fixkosten von 30 000 bis 40 000  Euro im Monat“, sagt der Fanbeauftragte Udo Mayer: „Wir haben kaum eine Wahl. Nur, wenn wir die Runde zu Ende spielen, dürfen wir in der neuen Saison in der Oberliga weitermachen. Ansonsten müssen wir ganz unten anfangen.“

Es sieht nicht gut aus für die Spatzen, der Traditionsverein steht vor dem Nichts. Umso wichtiger sind Hoffnungsträger wie Janusz Gora. Jener elffache A-Nationalspieler aus Polen, der die erste Mannschaft des SSV 1846 coacht – und der dies, trotz aller Schwierigkeiten, auch in Zukunft tun will. Der Nachwuchs macht ebenfalls Mut: Die A- und B-Juniorenteams kicken in der Bundesliga.

Kommen wieder Sponsoren, kehren auch die Fans zurück

„Es gibt eine fußballerische Zukunft für uns, ich glaube ganz fest daran“, sagt Fan Stoll im Landkreis Bautzen: „Falls es uns gelingt, einen Sponsorenkreis aufzubauen, kommen auch die Fans zurück.“

Der 42-Jährige bleibt zuversichtlich. Er, der „aus der Ulmer Ecke“ stammt, der seine Ehefrau „natürlich“ bei einem Match der „Spatzen“ kennengelernt hat und der den SSV-Ulm-1846-Fanclub in Sachsen gründete. 13 Mitglieder habe er, „ die Tendenz ist steigend“, sagt Stoll.

Er fährt die 564 Kilometer fast nie allein. Und er wird es auch nicht tun, wenn seine Ulmer in der Kreisliga B kicken. „Aber so weit ist es noch lange nicht“, sagt er.

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