Der Klub steckt im Insolvenzverfahren, baut aber ein neues Stadion.

Fred Bockholt gehörte 1967 zur ersten Aufstiegself, spielte später in Offenbach und Leverkusen.
Fred Bockholt gehörte 1967 zur ersten Aufstiegself, spielte später in Offenbach und Leverkusen.

Fred Bockholt gehörte 1967 zur ersten Aufstiegself, spielte später in Offenbach und Leverkusen.

Ferdinand Ostrop/dpa

Fred Bockholt gehörte 1967 zur ersten Aufstiegself, spielte später in Offenbach und Leverkusen.

Essen. Irgendwie haben wir die Sensation des Fußballjahres verpasst. Oder wie sonst soll man es bezeichnen, wenn eine bis über die Halskrause verschuldete Stadt einem fünftklassigen Fußballverein, der im Insolvenzverfahren steckt, ein neues Stadion baut?

Genau das geschieht in Essen, der neuntgrößten deutschen Stadt, die seit Jahrzehnten dem Traum nachjagt, einen repräsentablen Fußballverein zu haben. „RWE war wer, RWE ist wer, RWE bleibt wer“. Die wuchtigen Lettern sind trotzig in Stein gemeißelt, im Eingang des Georg-Melches-Stadions kündet die marmorne Tafel von Stolz und Ruhm vergangener Tage.

Georg-Melches-Stadion war modernste Arena Deutschlands

Es war Mitte der fünfziger Jahre die modernste Arena Deutschlands, die erste mit einer Flutlichtanlage. In dem gewaltigen Bauch der Haupttribüne gab es Turnhalle und Gaststätte, Wohnungen und Geschäftsstelle. Hier war der deutsche Meister von 1955 zu Hause, hier stürmte der Held von Bern, Helmut Rahn. RWE nahm als erste deutsche Mannschaft teil am Europapokal der Landesmeister, RWE war wer.

Doch die mächtige Arena wurde schon bald zum Ballast, der Verkauf an die Stadt 1976 kam viel zu spät. Da war RWE bereits auf dem absteigenden Bundesliga-Ast; der Klub stieg 1977 zum dritten und letzten Mal aus der Bundesliga ab.

Bockholt: Den guten Zeiten hängen viele immer noch nach

„Diesen Zeiten hängen viele in Essen immer noch nach. Das erzeugt einen beständigen Druck“, sagt Fred Bockholt. Der sprunggewaltige Torwart gehörte 1967 zur ersten Aufstiegself, spielte später in Offenbach und Leverkusen. Längst hat der erfahrene Fußballlehrer keine Verbindung mehr zu seinem Klub. Auch andere Hafenstraßen-Helden von einst wurden nicht gefragt, wenn sich bei RWE die Ereignisse überschlugen – Dieter Bast, Frank Mill, Manni Burgsmüller oder auch der egozentrische Star Willi Lippens hätten als Türöffner und Integrationsfiguren wirken können. Bockholt: „Solche Leute hätte man einbinden müssen, stattdessen fanden viele Selbstdarsteller bei RWE eine Bühne.“

1966/67, 1969/70, 1970/71, 1973/74, 1974/75, 1975/76, 1976/77

Fritz Pliska, Herbert Burdenski, Diethelm Ferner, Ivica Horvat, Hermann Erlhoff

Dieter Bast, Erich Beer, Manfred Burgsmüller, Willi „Ente“ Lippens, Diethelm Ferner, „Pille“ Gecks, Horst Hrubesch, Werner Kik, Werner Lorant, Frank Mill
 

 Georg-Melches-Stadion an der Hafenstraße

29. August 1970. Mit 4:0 gegen Kaiserslautern eroberte RWE die Tabellenspitze und behauptete sie eine Woche später durch das 2:2 beim FC Bayern
 

RWE grüßt von oben – in der NRW-Liga (5. Liga)

Im letzten Jahrzehnt stieg RWE drei Mal in die 2. Bundesliga auf und jeweils gleich wieder ab, 2008 verpasste man den Sprung in die 3. Liga und im Sommer 2010 drohte dem insolventen Viertligisten nach dem Lizenzentzug der Absturz in die Kreisklasse. Man landete nur in der fünftklassigen NRW-Liga.

RW Essen hat immer die Geduld gefehlt

Der Zuschauerschnitt in der NRW-Liga liegt bei 6500, die Gegner heißen Germania Windeck, FC Wegberg-Beeck oder SV Schermbeck. „RWE hat immer die Geduld gefehlt, dabei ist das das Zauberwort“, sagt Bockholt. „Was den Verein hochhält, ist die außergewöhnliche Treue der Fans.“ Jetzt träumen sie wieder – vom Aufstieg in die Regionalliga und vom Stadionbau. Direkt neben dem maroden Melches-Stadion soll eine neue Arena entstehen. Der Großteil der Bausumme in Höhe von 30 Millionen Euro kommt aus der Kasse der Stadt. „Alle sagen, dass es jetzt was wird“, erzählt Bockholt, „doch so richtig glauben kann man das noch immer nicht. Aber eins ist klar: Wenn es diesmal nicht klappt, dann wird es nie mehr was.“ Es wäre das Ende von Rot-Weiss Essen.

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