Der 1. FC ist der Goliath in Köln. Kult bleibt aber der kölsche David Fortuna. Und Jean Löring der letzte Patriarch des Fußballs.

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Der langjährige Präsident der Fortuna aus Köln: Jean Löring.

Der langjährige Präsident der Fortuna aus Köln: Jean Löring.

Weckenbroch; dpa

Der langjährige Präsident der Fortuna aus Köln: Jean Löring.

Köln. Der Zahn der Zeit nagte an dem Schild. „Lizenzspielerabteilung“ stand da. „Eintritt nur für Spieler und Offizielle“. Das „und“ war kaum noch zu erkennen. Matthias „Mathes“ Schäfer, die gute Seele des Vereins, hat es inzwischen abgeschraubt: „Aber wir haben es noch, vielleicht brauchen wir es ja nochmal.“ Nur 20 Meter weiter gelangt man in die Fortuna-Kurve. Die oberen Plätze sind von Bäumen überwuchert. Das „Stadion Süd“ an der Vorgebirgstraße in Köln kämpft gegen den Verfall. Die Stadt Köln wollte es schon abreißen. Bis sich der Widerstand formierte.

Schön war die Zeit

Mit der Straßenbahn sind es nur wenige Stationen zum Südfriedhof. Dort liegt Hans Löring begraben, der sich selbst nur „Jean“ nannte und in der Kölner Südstadt nur „de Schäng“ war. Löring war Fortuna, Fortuna war Löring. Der letzte Patriarch des deutschen Profifußballs starb im März 2005.

71 Jahre alt, krebskrank, mittellos. Seine Firmen waren insolvent, der SC Fortuna Köln war es auch. Vorbei die glorreichen Zeiten, als der Klub 1973 in die Bundesliga aufstieg, nach nur einer Saison aber wieder in die Zweite Liga musste.

Jean Löring war Kult, jeder zeigte sich gerne mit ihm, auch die falschen Freunde. Lörings Klub ist Kult, immer noch. 26 Jahre lang spielten sie in der Zweiten Liga, Platz zwei in der ewigen Tabelle. Löring war seit 1967 Präsident, der Ex-Profi pumpte über 15 Millionen Mark in „mein Vereinsche“, wie Löring den Klub nannte.

Im Dezember 1999 entließ Löring seinen Trainer Harald „Toni“ Schumacher in der Halbzeit des Spieles gegen Waldhof Mannheim. Als die schreibende Kollegenschaft Löring fragte, warum er den Ex-Nationaltorwart des 1. FC  Köln seines Traineramtes enthoben habe, sagte Löring: „Als Verein musste ich reagieren.“ Das sagt alles über das Selbstverständnis dieses großen Kölners.

Auch der Philosoph Walter Jens trat für Fortuna Köln ein

Serie Rot-Weiss Essen, Fortuna Köln, FC Bayer Uerdingen, Preußen Münster, Tennis Borussia Berlin, Borussia Neunkirchen, Waldhof Mannheim und viele mehr. Ihre Namen klingen nach vergangener Zeit, in der der große Fußball noch in diesen Städten zu Hause war. Sie waren Meister oder machten anders Furore. Das alles war einmal. Heute fristen diese Klubs in den Niederrungen des Amateurfußballs ein Dasein zwischen Nostalgie und Überlebenskampf. Wir rufen die Erinnerungen mit unserer Serie noch einmal wach: Schön war die Zeit.

Der Österreicher Hans Krankl („Jean Löring war einmalig, wie ein gutmütiger Großvater“) kam im Januar 2000, blieb ein halbes Jahr, konnte den Abstieg aber nicht verhindern. 2001 war Löring pleite.

Und die Fortuna auch. Zwei Jahre später drohte das totale Aus. Wieder regte sich der Widerstand, weil die Fortuna immer noch eine der größten Fußball-Jugendabteilungen in Deutschland unterhält.

Der Philosoph und Fußballfreund Walter Jens und die, die in Köln ein Herz für die Fortuna haben, sie wehrten sich und verhinderten das Schlimmste. Zunächst. Fortuna stürzte bis in die Oberliga und musste in der Saison 2004/ 2005 den Spielbetrieb einstellen. Und wieder wehrten sich alle, auch der große FC. Und Fortuna kam zurück. Ab 2005 spielte der Verein in der Verbandsliga.

Seit 2006 ist Klaus Ulonska Präsident, Ex-Europameister mit der Sprintstaffel. Seitdem geht es irgendwie bergauf. „Wir wollen wieder dahin, wo wir schon einmal waren“, sagt Ulonska selbstbewusst. 2008 stieg Fortuna in die NRW-Liga auf, der erste Aufstieg nach 35 Jahren. Aktuell ist der Aufstieg wieder das Ziel von Trainer Matthias Mink, der selbst sieben Jahre Fortuna-Profi war.

Das Pokalfinale 1983 verliert die kleine Fortuna gegen den großen FC

Und schon sind Erinnerungen wieder präsent. An das Pokalfinale 1983 im Müngersdorfer Stadion gegen den großen 1. FC Köln. Die Fortuna war die bessere Mannschaft, aber Pierre Littbarski erzielte in der 68. Minute das entscheidende 1:0 für die „großen Kölner“ von Rinus Michels. Der Goliath sperrte sich nochmals gegen den David.

Auf dem Weg ins Finale hatte die Fortuna schon Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach geschlagen. Dieter Schatzschneider im Angriff, Hannes Linßen war der Motor im Mittelfeld, im Tor stand Bernd Helmschrot, Florian Hinterberger verteidigte.

Unvergessen auch das Jahr 1986. Fortuna erreichte als Tabellendritter die Bundesliga-Relegation, gewann 2:0 gegen Borussia Dortmund. Und war schon so gut wie aufgestiegen, ehe Borussia Dortmund im Rückspiel das 3:1 erzielte. Das dritte Spiel im Düsseldorfer Rheinstadion verlor die Fortuna mit 0:8.

Löring bekam wegen Verletzungen fast keine Mannschaft mehr zusammen, versuchte, beim DFB eine Verlegung zu erreichen. Vergeblich. Fast apathisch saß er danach in den Katakomben, Tränen in den Augen. „Sie wollen uns nicht“, sagte der Patriarch verbittert.

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