Taekwondoka Helena Fromm jubelt in London nach schlechtem Beginn. In Rio will sie 2016 wieder angreifen.

Helena Fromm
Helena Fromm

Helena Fromm

Peter Kneffel

Helena Fromm

London. Die Frau im weißen Anzug ist nicht zu bremsen. Ein Reporter vom Fernsehen hält ihr ein Mikrofon ins Gesicht. Helena Fromm juckt das nicht. Viele Fragen, keine Antworten. „Jetzt nicht“, stammelt sie auf ihrem Weg durch die Mixed-Zone. Fromm geht in Deckung. Hätte sie mal die Minuten zuvor besser an ihre Verteidigung gedacht. Der Traum von einer Medaille bei Olympia ist geplatzt.

So sieht es zumindest aus, an diesem August-Nachmittag in der ExCel-Arena. Mit 4:8 hat die deutsche Taekwondo-Hoffnung gegen die Olympiasiegerin Seon Kyung Hwang im Viertelfinale der Klasse bis 67 Kilogramm verloren. Gold, Silber, Bronze – alles weg. Wieder keine Medaille. So wie vier Jahre zuvor in Peking. Damals kehrte die 25-jährige Sauerländerin mit einem neunten Platz zurück.

Doch diesmal nimmt ihre Olympia-Geschichte ein anderes Ende, ein besseres. Fromm gibt ein furioses Comeback. Über die Hoffnungsrunde kämpft sich sie sich in das kleine Finale, auch weil Hwang in den Kampf um Gold einzieht. Im Finale der Hoffnungsrunde trifft Fromm auf Carmen Marton aus Australien. Erst kurz vor dem Ende ist der 8:2-Sieg perfekt. Die für den PSV Eichstätt startende Fromm reißt die Arme in die Luft und stößt einen tiefen Schrei aus. Tränen fließen. „Darauf habe ich Jahre hingearbeitet. Es ist der Wahnsinn. Dafür habe ich auf so vieles verzichtet“, sagt sie.

Die Nacht wird zum Tag. Mit Freunden und der Familie feiert Fromm ihren bis dato größten Erfolg. Die Wochen nach dem furiosen Auftritt in London verlaufen nicht minder aufregend und anstrengend. Fromm kommt viel herum. Mit einem Schlag interessiert sich halb Deutschland für die junge Frau. Die Popularität ihrer Sportart steigt für ein paar Wochen – zumindest gefühlt.

Trotz Olympia-Bronze hat Fromm Probleme bei der Sponsorensuche

Über die Sauerländerin erfährt man nun nicht nur auf den Sportseiten der Zeitungen und Magazine etwas. Bei ihrer Suche nach Sponsoren zahlt sich das Interesse indes kaum aus. Im Gegenteil: Nach vier Jahren läuft der Leasingvertrag für ihr Auto aus. Der Unterstützer verlängert die Zusammenarbeit mit Fromm nicht – trotz Bronze in London. „Es bleibt schwer, Sponsoren zu finden. Aber ein paar interessante Kontakte haben sich schon ergeben“, berichtet Fromm.

Ehrenrunde und Eklat. Nervenkitzel und Nackenschlag. Gold und Glücksbringer. Krisengerede und Kampfrichterentscheid, das ist Olympia. Große Gefühle und kleine Tragödien. Auch bei den Sommerspielen in London hat es sie wieder gegeben, diese „Olympischen Momente“.

Jene besonderen Augenblicke, über die es sich lohnt zu sprechen – und sechs Monate später noch einmal darüber zu schreiben. Die Korrespondenten unserer Zeitung haben nachgehakt, was aus den olympischen Momenten geworden ist.

Den nächsten Serienteil lesen Sie am Samstag über Judoka Ole Bischof.

Die einzelnen Serienteile lesen Sie auch im Internetangebot unserer Zeitung.

Geboren am 5. August 1987
Wohnort Oeventrop
Familienstand ledig
Sportart Taekwondo
Erfolge Bronzemedaille bei Olympia 2012, WM-Bronze 2007, 2011, EM-Gold 2008
 

Natürlich löst die junge Frau auch ihr Versprechen ein und macht sich zum ersten Mal überhaupt auf den Weg nach Eichstätt. Nach einem Besuch bei ihren Sportfreunden vom PSV trägt sich die Olympionikin ins Goldene Buch der Altmühlstadt ein. „Ich bin zwar keine Bayerin, fühle mich den Menschen hier trotzdem verbunden. Wahnsinn, wie viele Eichstätter vor dem Fernseher mitgefiebert haben“, erklärt sie damals.

Die Fahrt zu ihrem Verein ist nur eine Etappe auf ihrer Reise zu Ehrungen und Feiern. Im Oktober gibt es aus den Händen von Bundespräsident Joachim Gauck das Silberne Lorbeerblatt, die höchste Auszeichnung für Leistungssportler in Deutschland.

Für den Ausflug nach Berlin muss sich Fromm Urlaub nehmen. Seit drei Jahren studiert sie an der FH Ansbach „Internationales Management“. Langsam geht es auch hier auf die Zielgerade. Nach der Vorbereitung auf Olympia und den Spielen selbst stehen im Wintersemester Pflichtveranstaltungen auf ihrem Stundenplan.

In Rio will sie wieder angreifen – wenn ihr Körper mitspielt

Nach Olympia ist vor Olympia. Die Spiele 2016 in Rio sind ihr Ziel. Daraus macht sie kein Geheimnis. Vorausgesetzt ihr Körper spielt mit. Sieben Jahre, sieben Operationen – vier am Knie, drei an der Hand, Prellungen und Zerrungen nicht eingerechnet. Ende Oktober liegt sie wieder auf dem OP-Tisch. Bei ihrem furiosen Auftritt in London hatte sie sogar einen Meniskusriss im linken Knie – ohne es zu wissen. „Irgendwo zwickt es doch immer“, sagt sie. Ausreden mag Fromm nicht. Dann schweigt sie lieber.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer