Hammmerwerferin Betty Heidler will nach Olympia-Bronze wieder angreifen. 80 Meter sind das Ziel.

Olympisch Momente
Betty Heidler feiert in London ihre olympische Bronzemedaille. Bis sich ihr Traum erfüllen sollte, musste die 29-Jährige viel Geduld aufbringen.

Betty Heidler feiert in London ihre olympische Bronzemedaille. Bis sich ihr Traum erfüllen sollte, musste die 29-Jährige viel Geduld aufbringen.

dpa

Betty Heidler feiert in London ihre olympische Bronzemedaille. Bis sich ihr Traum erfüllen sollte, musste die 29-Jährige viel Geduld aufbringen.

Frankfurt. Der Gegensatz ist ebenso krass wie wohltuend. Wer die Bilder wutschnaubender Fußballprofis kennt, die sich über Schiedsrichter-Entscheidungen empören, für den muss Betty Heidler in diesem Moment ein Phänomen sein. Klar, der Vergleich hinkt. Fußball ist nicht Leichtathletik. Dennoch verblüfft es, wie Heidler Haltung bewahrt, während sie eine fast einmalige Chance zu verlieren droht. „Ich bin keine, die groß auf 180 geht“, sagt sie über ihr vorbildliches Verhalten, das als Antiaggressionsübung taugen würde.

Es sind Bilder, die um die Welt gehen: Ausgerechnet Betty Heidlers weitester Wurf bei den Olympischen Spielen in London scheint plötzlich nichts wert. Dabei hat sie nichts falsch gemacht, allenfalls die anderen. Aber ihre Proteste bleiben wie sie selbst „so lange wie möglich positiv eingestellt“. Sie kartet nicht mal nach, als sie nach nervenaufreibendem Hickhack endlich das bekommt, was sie verdient: Olympia-Bronze im Hammerwerfen.

Das ist ihr Triumph, ihr Happy End – und nicht mal eigene Vorwürfe sollen das Glück überschatten. Stattdessen äußert sie Mitgefühl mit der aus den Medaillenrängen verdrängten Chinesin. Und sie dankt den Briten, die den Fehler gefunden haben. „Sie hat alles richtig gemacht“, bilanziert ihr Manager Michael Stübner. Er weiß, was im Krisenfall im Wettkampf zählt: Ruhe bewahren, fokussiert auf die eigene Aufgabe bleiben. Heidler meistert die Herausforderung so, dass Stübner nun stolz sagen kann: „PR-mäßig war das mehr wert als Gold“. Auch Betty Heidler freut sich im Nachhinein über den „positiven Nebeneffekt des ganzen Dramas“: Popularität weltweit.

Ihr ging es in London aber nicht um Sympathiegewinn. Sie wollte sich nach Rang vier in Athen 2004 und Rang neun in Peking 2008 bei den Spielen in London ihren Traum von einer Olympia-Medaille erfüllen. Am 10. August 2012 im Finale des Frauen-Hammerwerfens zählt die Weltrekordlerin zu den Favoritinnen.

Oft genug haben ihr aber im Wettkampf die Nerven einen Streich gespielt, wie zuletzt noch bei der EM in Helsinki, wo sie die Qualifikation verpasste. Auch in London findet sie zunächst nicht den richtigen Dreh. Als es bei ihr klappt, verschwört sich zunächst alles andere gegen sie: der Zufall, die Software und die Kampfrichter.

Die nächste Herausforderung ist die Weltmeisterschaft in Moskau

Gefühle: Ehrenrunde und Eklat. Nervenkitzel und Nackenschlag. Gold und Glücksbringer. Krisengerede und Kampfrichterentscheid, das ist Olympia. Große Gefühle und kleine Tragödien. Auch bei den Sommerspielen in London hat es sie wieder gegeben, diese „Olympischen Momente“.

Augenblicke: Jene besonderen Augenblicke, über die es sich lohnt zu sprechen – und sechs Monate später noch einmal darüber zu schreiben. Die Korrespondenten unserer Zeitung haben nachgehakt, was aus den olympischen Momenten geworden ist.

Fortsetzung: Den nächsten Serienteil lesen Sie am Freitag über die Taek- wondo-Kämpferin Helena Fromm.

Geboren: 14. Oktober 1983 in Berlin

Wohnort: Frankfurt

Verein: LG Eintracht Frankfurt (Trainer Michael Deyhle/zugleich Bundestrainer)
Familienstand ledig

Beruf: Polizeihauptmeisterin bei der Bundespolizei. Seit 2008 Jura-Studium an der Goethe-Universität Frankfurt

Disziplin: Hammerwerfen

Erfolge: Olympia-Vierte 2004 in Athen, Olympia-Neunte 2008 in Peking, Olympia-Dritte 2012 in London; Weltmeisterin 2007, Vize-Weltmeisterin 2009 und 2011, Europameisterin 2010, acht Mal deutsche Meisterin (2005 bis 2012); seit 2011 Weltrekordhalterin (79,42 Meter); Leichtathletin des Jahres 2011

Die Aufklärung in Kurzform: Der fünfte Versuch der Frankfurterin ist exakt so weit wie der vierte Versuch der direkt vor ihr werfenden Olympiasiegerin Tatjana Lysenko aus Russland: 77,12 m. Das Messsystem verweigert daraufhin die Annahme von Heidlers Weite, weil das Programm bei einer Wiederholung von einem Fehler der Kampfrichter ausgeht. Der Wettkampf wird aber nicht gestoppt. Die Konfusion ist komplett, später wird mit dem Bandmaß nachgemessen. Erst in der Nacht erfährt Heidler, dass ihr Bronze sicher ist.

„Von den Emotionen her ist es das Schönste und Größte, das kommt noch vor dem Weltrekord“, ordnet Betty Heidler ihren Medaillengewinn ein. Aber sie hat schon neue Ziele: Ihr Weltrekord steht bei 79,42 Metern. Jetzt sollen es 80 Meter werden. Betty Heidler, die erste Frau, die über 80 Meter wirft? „Das wäre natürlich super“, sagt sie. Aber Zeitdruck will sie sich nicht aufbauen. Vor der WM 2013 in Moskau, bei der die Konkurrenz sicher noch einmal zulegen wird, will sie sich nicht darauf versteifen, unbedingt die Erste zu sein. „Das will ich locker angehen.“

Denn mit Gewalt, das hat sie verinnerlicht, geht im Hammerwerfen gar nichts.

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