Ein historischer Tag für die Mitglieder des Crefelder Ruderclubs. Als ihre Schlagfrau den deutschen Doppelvierer in Rio über die Ziellinie bringt, gibt es kein Halten mehr.

Lisas Eltern (hinter der Fahne) feuern das deutsche Boot an.
Lisas Eltern (hinter der Fahne) feuern das deutsche Boot an.

Lisas Eltern (hinter der Fahne) feuern das deutsche Boot an.

Nach dem Rennen liegt sich Familie Schmidla erschöpft und überglücklich in den Armen.

Andreas Bischof, Bild 1 von 2

Lisas Eltern (hinter der Fahne) feuern das deutsche Boot an.

Krefeld. Zwischen Weinregalen und Stühlen herrscht aufgeregtes Gewusel. Fan-Shirts werden verteilt, die Wangen schwarz-rot-golden geschminkt. Die etwa 40 Leute, die sich nach und nach in der Weinhandlung von Ruderclub-Mitglied Christoph Puff vor der Leinwand einfinden, haben alle etwas gemeinsam: Nervosität, Herzrasen, fahrige Gesten. „Ich bin so schrecklich aufgeregt, als würde ich selbst gleich an den Start gehen müssen“, sagt Philipp te Neues und schlägt die Hände zusammen. Er ist seit 1973 im Crefelder Ruderclub, seine vier Kinder sind es ebenfalls.

Alle hier kennen Lisa Schmidla (25), die in etwa einer halben Stunde als Schlagfrau den deutschen Doppelvierer in Rio durchs Finale bringen wird. Sie ist das erste Mitglied des Crefelder Ruderclubs, das bei Olympischen Spielen eine Medaille holen könnte. Vielleicht sogar die goldene, die deutschen Frauen sind Favoritinnen. Für den Club vom Niederrhein könnte es ein historischer Tag werden. „Das sollte es am Mittwoch auch schon, dann wurde das Rennen ja verschoben“, sagt Christoph Lüke, der Präsident. Deshalb findet das gemeinsame Lisa-Gucken nun auch nicht wie geplant im idyllischen Clubhaus am Rhein statt, das war Donnerstag nicht mehr frei. So musste improvisiert werden, schließlich wollte man Lisas großen Tag mit so vielen Clubmitgliedern wie möglich begleiten.

Zuerst startet noch der schwere Doppelvierer der Männer. Sie setzen sich früh ab und bauen ihre Führung aus, die Mitglieder und Freunde des CRC jubeln und schreien. Fast scheint es, als entlade sich ein Teil ihrer Nervosität in dem Moment, als das deutsche Boot als erstes über die Ziellinie fährt und Gold holt.

Die 1000-Meter-Marke ist passiert, die Krefelder beginnen zu schreien

Jetzt sind es nur noch vier Minuten bis zum Start der Frauen. Anne Schmidla, Lisas Mutter, hat einen Kloß im Hals, sagt sie, ihr Mann starrt auf die Leinwand. Aus dem Freudentaumel um sie herum entwickelt sich langsam wieder eine stille Anspannung, manche schnattern noch durcheinander, andere zischen laut „Pssst!“ Dann schwenkt die Kamera auf die Boote am Start, Lisa kommt ins Bild und ein kurzer Jubel ertönt. Die Ampel springt auf Grün.

Der Crefelder Ruderclub existiert seit 1883, dass er internationale Erfolge feiert, ist gemessen daran erst seit kurzem so, seit Anfang der 2000er Jahre. Jochen Urban war der Erste, der zwei Mal zu Olympischen Spielen gefahren ist und für Deutschland Weltmeistertitel holte. Olympiamedaillen gab es bislang aber noch nicht. Derzeit hat der Club viele Nachwuchstalente im deutschen U-23-Kader. Und die Bundesliga, also Sprintrudern, hat der Männerachter vom Elf-rather See seit deren Bestehen jedes Jahr gewonnen. Sieben Mal in Folge.

Am Start drücken die Seitenwinde das deutsche Boot ein wenig Richtung Bojen, die polnischen Frauen kommen deutlich besser weg, Lisa Schmidla und ihre Teamkolleginnen kämpfen gegen die Holländerinnen, bei der 500-Meter Marke liegen sie auf Platz drei. Durch den Raum geht ein Raunen. „Das wird noch!“, ruft einer. Sonst ist es sehr still in der ersten Hälfte des Rennens.

Die nächsten 500 Meter quälen die Zuschauer, halten die Polinnen ihren Vorsprung, kann das deutsche Boot noch angreifen? Es kann. Nach einem Zwischenspurt kassieren die vier Deutschen das holländische Boot, nach der Hälfte des Rennens liegen sie jetzt auf dem zweiten Platz.

Sie machen so viel Lärm, dass man es bis nach Brasilien hört

Und jetzt wird es laut in der kleinen Weinstube, unter den anfeuernden Rufen schreit einer „Lauter! Das hören die!“, die Krefelder rappeln mit allem, was sie in die Finger bekommen, klatschen, johlen, und Lisas Boot zieht an der 1500-Meter Marke vorbei.

Und dann passiert es: Lisa schaut kurz nach rechts zum polnischen Boot, das nun gar nicht mehr weit vor ihnen liegt. Jetzt greift das deutsche Boot an, immer näher schiebt sich der Bugball an den des gegnerischen Bootes heran, dann zieht Lisa mit ihrem Team vorbei! In der Weinhandlung bricht ekstatischer Jubel aus, kein Wort ist mehr zu verstehen, das Unglaubliche scheint so nah, nur noch wenige Meter – dann schießen sie über die Ziellinie.

Die Krefelder fallen sich in die Arme, die meisten haben Tränen in den Augen. „Jetzt läuft es!“, ruft Christoph Lüke. Es wird Sekt eingegossen und für Rio ein kurzes Video gedreht, der rustikale Schlachtruf des Clubs darf darin auch nicht fehlen. Lisas Eltern scheinen über den Dingen zu schweben. „Ich habe immer an sie geglaubt, aber ich glaube das einfach noch nicht!“, sagt Anne Schmidla strahlend. Ein kleines Wunder ist heute für sie, den Club und für Lisa wahr geworden.

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