Christian Frommert
Christian Frommert, bis 2009 "Kommunikations-Direktor“ des Radsport-Teams T-Mobile

Christian Frommert, bis 2009 "Kommunikations-Direktor“ des Radsport-Teams T-Mobile

dpa

Christian Frommert, bis 2009 "Kommunikations-Direktor“ des Radsport-Teams T-Mobile

Düsseldorf. Herr Frommert, wie haben Sie das Urteil und Jan Ullrichs Reaktion aufgenommen?

Christian Frommert: Das Urteil habe ich zur Kenntnis genommen. Ich war gespannt darauf, was er sagt. Und eigentlich habe ich erwartet, dass er es so schreiben lässt, wie es jetzt zu lesen ist. Es ist ein von Juristen glatt gebügeltes. Jan Ullrich ist ein extrem harmoniebedürftiger Mensch, eigentlich ein lieber Kerl. Und er ist von dem Wunsch getrieben, gemocht, geliebt zu werden. Nie würde er das machen, was gemeinhin als "auspacken” bezeichnet wird, er würde in der Radsportszene als Verräter dastehen. Und das wäre für ihn schlimmer als manch finanzieller Verlust.

Ist ihm die Szene immer noch näher als die Geringschätzung in der Öffentlichkeit?

Frommert: Ich weiß nicht, ob es eine Binnensicht der Journalisten ist, die breite Öffentlichkeit aber sagt: Es ist immer noch unser „Ulle“. Jan liegt viel daran, wie er in der Radsportszene angesehen ist. Und er ist einer, der Freundschaft sehr hoch schreibt. Und vor Freunden wie Andreas Klöden oder Matthias Kessler will er sein Gesicht nicht verlieren.

Wie haben Sie ihn einst im Team Telekom und wie würden Sie ihn heute beraten?

Christian Frommert (44) war lange einer der einflussreichsten Sportmanager Deutschlands. Als „Kommunikations-Direktor“ des Radsport-Teams T-Mobile hatte er mehr zu sagen, als die Presse-Termine der großen Stars wie Jan Ullrich zu koordinieren. Frommert war es, der Ende Juni 2006 maßgeblich die Suspendierung Jan Ullrichs vorantrieb. Am 24. Mai 2007 moderierte er die Geständnis-Pressekonferenz der ehemaligen T-Mobile-Stars Erik Zabel und Rolf Aldag, denen er zuvor eine Beichte nahegelegt hatte.

Frommert: Ich habe ihm damals schon geraten, wenn etwas an den Vorwürfen dran sein sollte, dann soll er es uns zunächst intern mitteilen, und wir werden einen Weg finden, damit umzugehen. Um es mal so zu formulieren: Das, was er heute gesagt hat, das hätte er auch schon vor sechs Jahren sagen können. Damit hätte er sich viel Spießrutenlaufen und manch Imageverlust ersparen können. Ich würde gerne wissen, wie seine Karriere verlaufen wäre, wenn er öfter mal auf sich selbst gehört hätte – und nicht auf Berater und Juristen, die alle um ihn herum schwirrten. Und auch viel Geld mit ihm gemacht haben.

Was, glauben Sie, wäre dabei herausgekommen?

Frommert: Ich glaube, er hätte relativ schnell reinen Tisch gemacht, Jan ist ein bodenständiger Mensch. Ein Satz wie: „Ich habe niemanden betrogen“ – der kommt ja nicht von ihm. Er war sich in seiner Karriere seines Stellenwerts nie so richtig bewusst. Zumindest hat er ihn nie ausgenutzt.

Dem Radsport werden mafiöse Strukturen vorgeworfen, Aussteiger packen – und das passt dazu – selten aus.

Frommert: Der Radsport – und das ist positiv wie negativ faszinierend – ist ein bizarrer Mikrokosmos. Das ist wie ein fahrendes Volk, ein Zirkus. Immer die gleichen Leute, der Tross fährt um die ganze Welt. Und alles spielt sich am Straßenrand ab. Die Tour de France ist mit Abstand das professsionellste, was es im Radsport gibt, aber selbst da ziehen sie sich auf Parkplätzen in der Provinz um.

Ich bin da reichlich naiv ran gegangen. Ich habe lange daran geglaubt, was die Protagonisten mir gesagt haben. Bis ich die Akten aus Spanien gesehen habe. Aber bis heute kann ich nicht sagen: Ich weiß, dass es so war. Ich kann immer nur sagen: Ich vermute es. In dieser Welt gibt es nichts Schriftliches. Da gibt es Typen, die liefern abends Pakete an die Rezeption des Hotels ab – und morgens sind sie dann irgendwie weg, einfach so. Spurlos verschwunden.

2006 sollte Jan Ullrich die Tour gewinnen, dann hat das Team Ullrich gekündigt. Sein Ende. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Frommert: Es war das Jahr Eins nach Armstrong, alles war vorbereitet. Aber wir mussten entscheiden, Jan zu suspendieren, weil uns drohte, dass er von der ASO (Organisator der Tour, Anm. d. Red.) nach zwei, drei Etappen vor den Augen einer Weltöffentlichkeit vom Rad geholt wird. Jan saß im Teamhotel auf dem Fahrrad und sagte: ,Ich bin in der Form meines Lebens, ich fahre morgen die Tour.’ Und ich musste ihm antworten: ,Jan, du bist suspendiert, du kannst morgen nicht starten.’ Der Radsport ist eine eigene Welt. Die glauben wirklich, dass sie nichts Verbotenes tun.

Mit dem bestehenden Makel und einigen offenen Fragen muss Ullrich jetzt weiter leben. Er hat abgeschlossen. Tut er Ihnen auch leid?

Frommert: Nein, ich habe und er braucht kein Mitleid. Ich kann Aussagen wie vom, großen Druck der Sponsoren’ auch nicht mehr hören. Sponsoring ist kein Selbstzweck, ihr Arbeitgeber erwartet von Ihnen auch das Beste, und zwar jeden Tag. Jan hat extrem viel Geld für etwas bekommen, was er teilweise auch nicht zu leisten vermochte, auch weil er Gewichts- oder Verletzungsprobleme hatte. So ist das im Sport. Das weiß der Sponsor auch. Jan Ullrich hat aber auch mehr bezahlt als alle anderen. Wer sonst ist so durch die Medien gejagt worden? Er war nicht die Klagemauer, sondern die Anklagemauer, hinter der sich alle verkrochen haben. Und die meisten dürften mit mindestens genau so viel verbotenem Treibstoff am Start gestanden haben.

Sehen Sie eine Perspektive für diesen Sport?

Frommert: Der Radsport ist eine Welt für sich, eine faszinierende Sportart mit einem fatalen Image. Diese Welt würde aber auch mit anderen Regeln als den bisherigen funktionieren. Aber die können nicht aus den Köpfen kommen, die da gerade in der Verantwortung sind. Leider Gottes generiert der Radsport seine Führungskräfte ja immer wieder aus dem Radsport selbst, dieser Sport kocht immer im eigenen Saft und entsprechend sein eigenes Süppchen. Was bitte also soll da besser werden?

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