Lance Armstrong (l) steht bei der Siegerehrung neben Jan Ullrich. Archivfoto: Gero Breloer
Lance Armstrong (l) steht bei der Siegerehrung neben Jan Ullrich. Archivfoto: Gero Breloer

Lance Armstrong (l) steht bei der Siegerehrung neben Jan Ullrich. Archivfoto: Gero Breloer

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Lance Armstrong (l) steht bei der Siegerehrung neben Jan Ullrich. Archivfoto: Gero Breloer

Berlin (dpa) - Das Echo zum Doping-Beben aus Frankreich war groß, die Konsequenzen für die aufgeflogenen Ex-Stars wie Jan Ullrich oder Erik Zabel sind dagegen überschaubar. Der Radsport-Weltverband UCI schloss ein erneutes Umschreiben der Siegerlisten kategorisch aus und nahm vielmehr den Überbringer der schlechten Nachricht unter Beschuss. Auch die heutigen Arbeitgeber der früheren deutschen Rad-Helden verzichteten auf direkte Maßnahmen und hatten vielmehr lobende Worte für die Arbeit ihrer prominenten Angestellten übrig. So hat der Untersuchungsbericht der Anti-Doping-Kommission des französischen Radsports in erster Linie eines geschafft: Dem Image des Radsports einen weiteren negativen Anstrich zu geben. Ober-Betrüger Lance Armstrong forderte aus dem fernen Amerika sogleich ein Ende der schmerzhaften Vergangenheitsbewältigung. «Wenn wir nicht zusammenkommen, einen Strich ziehen und nach vorne blicken, sind wir alle angeschissen», sagte der lebenslang gesperrte Armstrong dem Internetportal «Cyclingnews». Überraschendes sei in dem Report nicht dabei gewesen. «Es war eine unglückliche Ära. Wir haben alle die Regeln gebrochen und gelogen», ergänzte Armstrong, dem im Oktober vergangenen Jahres alle sieben Tour-Titel von 1999 bis 2005 wegen langjähriger Dopingpraktiken aberkannt worden waren. Ähnlich will die UCI mit Blick auf die «Tour de Dopage 1998» nicht verfahren. «Die nachträglichen Tests der Tour-Teilnehmer von 1998 wurden vom französischen Labor aus wissenschaftlichen Zwecken durchgeführt und entsprachen nicht den Standards für Anti-Doping-Analysen. Außerdem wurden die Grundsätze der Anonymität und die vorherige Zustimmung der Fahrer zu wissenschaftlichen Zwecken nicht eingehalten», monierte die UCI in einer Stellungnahme. Es seien auch keine B-Proben verfügbar. Diese Ergebnisse könnten daher nicht als gültiger Beweis in Disziplinarverfahren hinzugezogen werden. Damit muss sich Ullrich keine Sorgen um seinen zweiten Platz machen, wenngleich das belastende Material dem Jahr seines Toursieges 1997 bedrohlich nah kommt. 2000 hatte Ullrich außerdem Gold und Silber bei den Olympischen Spielen geholt. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte eine mögliche Aberkennung der Medaillen schon nach Ullrichs Teil-Geständnis (Eigenblutdoping bei Fuentes) vor gut einem Monat prüfen, dürfte dabei aber kaum Erfolg haben. So wird auch der 2004 verstorbene Marco Pantani weiter als Toursieger 1998 in den Ergebnislisten geführt, genauso wie Zabel als Gewinner des Grünen Trikots. Und auch an seinem Status als Sportdirektor beim umstrittenen russischen Radrennstall Katusha wird sich so schnell nichts ändern. Schließlich heißt der Teamchef Wjatscheslaw Jekimow. Der Russe war jahrelang treuer Helfer von Armstrong im Doping-Rennstall US Postal und dürfte es Zabel nicht krumm nehmen, dass er bei seinem emotionalen Geständnis vor sechs Jahren in Bonn - er habe EPO 1996 ausprobiert, aber nicht vertragen - offensichtlich wichtige Fakten unerwähnt ließ. Katusha-Berater Hans-Michael Holczer, bis Ende 2012 noch Generalmanager des Teams, lehnte eine Bewertung des Falls ab. «Ich will mich nicht zu einzelnen Personen äußern. Ich habe auf die Entscheidungen auch keinen Einfluss. Zu der Geschichte bin ich nicht befragt worden», sagte der frühere Gerolsteiner-Teamchef der Nachrichtenagentur dpa. Ungemütlicher dürfte für Zabel noch am ehesten das Gespräch mit den Verantwortlichen der Hamburger Cyclassics ausfallen. Der sechsmalige Gewinner des Grünen Trikots ist dort Sportdirektor und muss sich nun verantworten. «Wir werden uns mit Erik Zabel und unserem größten Sponsor Vattenfall zusammensetzen und das besprechen», teilte Reinald Achilles, Sprecher der Veranstalters Upsolut Sports, auf dpa-Anfrage mit, betonte aber gleichfalls, dass man sehr zufrieden sei. Ähnliche Töne waren auch beim Team NetApp in puncto Jens Heppner zu hören. Die Nachtests von 1998 stünden in keinem Zusammenhang mit der erfolgreichen Arbeit, sagte Teamchef Ralph Denk. Auch vom langjährigen Telekom-Profi liegt eine positive EPO-Probe in den Laboren Frankreichs. Heppner hatte Doping stets bestritten. Unmittelbare Auswirkungen hatte das Untersuchungsergebnis der Senatskommission für Ex-Weltmeister Abraham Olano, der nach den jüngsten Skandalmeldungen in Frankreich seinen Posten als Technischer Direktor der Spanien-Rundfahrt räumen muss. Vuelta-Organisator Unipublic habe den seit 2004 laufenden Kontrakt mit dem Weltmeister von 1995 aufgelöst, berichtete «Marca». Er sehe sich «nicht als schuldig», meinte Olano. Tour-Rekordteilnehmer Stuart O'Grady ist nach seinem Doping-Geständnis zum Rücktritt als Vorsitzender der australischen Athletenkommission gedrängt worden. O'Grady hatte am Mittwoch gestanden, im Vorfeld der Tour 1998 EPO genommen zu haben. Im Gegensatz zum Radsport bleiben dem Fußball derartige Negativ-Schlagzeilen erspart. Wie die französische Sporttageszeitung «L'Équipe» berichtete, seien die bei der Fußball-WM 1998 gemachten Dopinganalysen auf Anordnung des Weltverbandes FIFA vernichtet worden. Auch mit Blick auf die Anhörung des französischen Nationaltrainers Didier Deschamps, der zur Zeit des EPO-Skandals bei Juventus Turin spielte und 1998 Kapitän der französischen Weltmeister-Mannschaft war, zeigte sich der Senat weniger auskunftsfreudig. Das Verhör habe hinter verschlossenen Türen stattgefunden, wurde in dem sonst so umfangreichen Bericht knapp aufgeführt. Die Kommission hörte als Zeugen auch Athleten und Funktionäre aus den Bereichen Biathlon, Leichtathletik, Tennis, Ski alpin und Rugby. Mit brisanten Enthüllungen in diesen Sportarten ist vorerst nicht zu rechnen. «Die Kollateralschäden des Berichts treffen - wie immer - nur den Radsport, weil es die einzige Sportart ist, in der man nach 15 Jahren immer noch Gläser mit eingefrorenem Urin aufbewahrt», kritisierte die spanische Sporttageszeitung «Marca».

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