Einst als jedermanns Liebling hofiert, sucht Linus Gerdemann seine neue Rolle und kämpft mit dem Team Milram um die Existenz.

Münster. In all den Wirrungen und Irrungen des Radsports gibt es eine Konstante: Die Tour de France. Wer auch immer gut im Frühjahr bei den Klassikern war, später im Herbst bei der Weltmeisterschaft glänzte oder gar olympisches Edelmetall gewann, am Ende steht die Frage, wie gut ein Berufs-Radfahrer bei der Schleife durch Frankreich abgeschnitten hat.

"Ob es ein gutes Rennjahr war, weiß ich nach der Tour. War die Tour gut, dann war es ein gutes Jahr", sagt Linus Gerdemann. Damals, 2007, war es ein Superjahr, er gewann eine Bergetappe und trug das Gelbe Trikot. Die abgelaufene Rennsaison dagegen war allenfalls "durchwachsen".

Und 2010? Dem mittlerweile 27Jahre alten Münsteraner wird bei der Tour 2010 eine besondere Rolle zuteil werden. In Frankreich genießt er nach seinem emotionalen Etappentriumph von Le-Grand-Bornand eine gewisse Popularität.

"Als deutsches Wunderkind auf zwei Rädern", wurde er tituliert, der nächste Jan Ullrich. Letztgenannter wird hierzulande mittlerweile nicht uneingeschränkt positiv bewertet. Wobei: Gerdemann hatte nie das Ansinnen, ein neuer Ullrich sein zu wollen. Immer wieder stand er vor schwierigen Passagen in seinem Leben als Radfahrer.

Aufs Rennrad wurde er praktisch gezwungen, obwohl das Mountainbikefahren ihm näher stand. Gerdemann war in einem Jux-Sprint gestürzt, und zwar gegen einen Schulkollegen und auf einem Hollandrad, das Bein war gebrochen.

Downhill-Fahren in Wald und Wiesen war passe. Später dann fand das eigenwillige Talent nicht mit Bundestrainer Peter Weibel zusammen, dann lange kein Profiteam.

Als er 2006 beim T-Mobile Team anheuerte, fand er sich im Epi-Zentrum der Katastrophe im Zweiradland wieder. In den letzten Zuckungen des Rennstalls wurde der alerte junge Mann aus Westfalen vor die Mikrofone getrieben. Er war die Stimme des Teams, die neue Hoffnung der siechenden Branche.

Wenn Gerdemann nun zur Tour de France zurückkehrt, würde es sein dritte Teilnahme sein. Er hat dann seine nächste Häutung hinter sich. Er macht nicht mehr alles mit, verweigert häufiger mal Interviews, zieht sich zurück.

Nicht nur, weil es seine zweite Saison als Kapitän von Team Milram ist und ihm womöglich alles ein bisschen zu viel geworden ist. Ja, er gewann pflichtgemäß die Bayern-Rundfahrt. Nein, der große Wurf für die Equipe, deren Budget von der Nordmilch-Gruppe gespeist wird, blieb in Frankreich aus.

"Meine Dopingproben können auch in 50 Jahren noch getestet werden"

Gerdemann startet mit einem Makel in die Saison. Anfang Oktober wurden Vorwürfe in der WDR-Sportsendung "Sport inside" laut, dass auch der damalige T-Mobile-Fahrer Gerdemann auffällige Blutwerte in der ersten Jahreshälfte 2006 gehabt hätte.

"Nein, ich habe nie gedopt. Meine Dopingproben können auch noch in 50 Jahren nachgetestet werden", lautet sein Credo. Aber weder die ARD noch die Autoren legten schlagkräftige Beweise, Indizienketten oder Sonstiges vor. Weder dem Beschuldigten noch der Öffentlichkeit.

Gerdemann, der immer noch der alleinige Tour-Kapitän ist, hat der Eschborner Tony Martin (Columbia-HTC) in dieser Saison den Rang des Talents und vor allem des stärksten deutschen Rundfahrers abgelaufen.

Gerdemann selbst hat sich jedenfalls nach Südafrika zurückgezogen. Er nahm keine Telefongespräche an, beantwortete kaum eine Mail, selbst sein Manager Marc Kosicke - der auch Oliver Bierhoff und Jürgen Klopp berät - sowie die Teamleitung standen auf der Leitung.

Gerdemann in Klausur, Gerdemann der Einsiedler, so fühlt sich das an. Nur für die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) hielt er sich bereit, erneut wurde der Münsteraner auch in seinem Trainingscamp in Südafrika getestet. So oder so will er die Rolle von "Everybody´s Darling" wohl nicht mehr ausfüllen, er will einzig seiner Profession nachgehen. Einfach schnell auf dem Rad fahren. Die Tour de France wird dafür die passende Bühne sein.

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