Der Ex-Nationalspieler äußert sich im "11 Freunde"-Interview über seine Champions League-Zeit mit Bayer Leverkusen und den Bayern.

Michael Ballack beendete seine aktive Karriere im Oktober 2012.
Michael Ballack beendete seine aktive Karriere im Oktober 2012.

Michael Ballack beendete seine aktive Karriere im Oktober 2012.

11 Freunde Spezial - Die Geschichte der Champions League.

Jan Woitas, Bild 1 von 2

Michael Ballack beendete seine aktive Karriere im Oktober 2012.

Düsseldorf. Michael Ballack, Sie sind 2002 mit Bayer Leverkusen im Hurrastil durch die Wettbewerbe gestürmt und haben am Ende doch alles verloren: Meisterschaft, DFB-Pokal und auch die Champions League. Was hat gefehlt zum ganz großen Glück?
Michael Ballack: Vielleicht der Glaube an den eigenen Erfolg, der sich aus der Historie eines Klubs speist.

 Schaffen vergangene Erfolge automatisch Selbstbewusstsein in der Gegenwart?
Ballack: Wenn du neu dazu kommst, orientierst du dich an der Klubmentalität und der Mentalität der Spieler, die da sind. Du siehst die Pokale, und du siehst die Spieler, die sie gewonnen haben. Die individuelle Qualität war in Leverkusen vorhanden, aber es hat immer ein Quäntchen gefehlt.  

Abgesehen davon hat Bayer Leverkusen damals die Fußballwelt mit seinem schnellen Kombinationswirbel bezaubert. Was war das Geheimnis dieser Elf?
Ballack: Sie war einfach gut. Bayer war ein perfektes Sprungbrett für talentierte Südamerikaner, aber auch für richtig gute deutsche Spieler, die sich für einen Verein wie den FC Bayern noch nicht reif genug fühlten.

Trainer Klaus Toppmöller hat mit der damaligen Saison seinen Frieden gemacht und gemeint, Titel würden ohnehin überschätzt. Wichtiger sei gewesen, dass Bayer den schönsten Fußball gespielt habe.
Ballack: Das ist sicher auch Selbstschutz, um mit der Situation im Nachhinein besser zurechtzukommen. Damals hat er das jedenfalls nicht gesagt.  

Und Sie sind 2002 in der Überzeugung zum FC Bayern gewechselt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Sie die Champions-League-Trophäe in den Händen halten?
Ballack: Zunächst mal war es nach den vielen knapp verpassten Titeln mit Bayer ein Segen für mich, den Verein zu wechseln und frische Luft zu bekommen.  

Sie sind aber mit den Bayern nie so nah an diesen Pokal herangekommen wie mit Leverkusen.
Ballack: Das stimmt. Ich bin der Meinung, dass der FC Bayern damals nicht die Mannschaft hatte, um die Champions League zu gewinnen. National haben wir zwar in vier Jahren drei Doubles gewonnen, doch international sind wir nicht mal in die Nähe des Halbfinals oder Finals gekommen. Das kann kein Pech, kein Zufall gewesen sein und zeigt, dass diese Mannschaft nicht so gut war wie die heutige.

War Ihre Sehnsucht nach dem großen internationalen Titel der Grund dafür, 2006 zum FC Chelsea zu gehen?
Ballack: Die Bayern haben mir damals ein neues Angebot über vier Jahre gemacht, aber ich habe gedacht: Wenn du die Champions League gewinnen willst, musst du dich noch mal verändern. Der andere Grund war, dass ich unbedingt im Ausland spielen wollte. Ich war 28 Jahre alt, als ich die Entscheidung traf, und das war für mich die letzte Chance, noch mal zu einem großen internationalen Verein zu gehen. Wenn du erst mal dreißig bist, wird es eng.  

Mit Chelsea standen Sie 2008 noch mal im Finale – und verloren gegen Manchester United erneut. Welche Niederlage war schmerzhafter?
Ballack: Am meisten weh tat das Halbfinal-Aus gegen Barcelona im Jahr darauf, als wir meines Erachtens noch besser waren als 2008 und leider – ich kann es nicht anders sagen – der Schiedsrichter sehr zweifelhafte Entscheidungen traf.  

Das fast ikonografische Bild, wo Sie Referee Tom Henning Øvrebø über den halben Platz verfolgen, drückt also tatsächlich die reine Verzweiflung aus?
Ballack: Absolut. Da waren zwei oder drei Handspiele dabei und ein Foul, bei dem man als Schiedsrichter schon mit zwei Scheuklappen rumlaufen musste, um keinen Elfmeter zu geben. Trotz all dieser Sachen hätte es ja fast gereicht, aber dann schießt Barcelona in der 94. Minute zum ersten Mal aufs Tor, der Ball ist drin, und du kannst nicht mal mehr reagieren.  

War das der Moment, wo Ihnen dämmerte, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit Ihnen und diesem vermaledeiten Pokal?
Ballack: Nein, das war eher im Finale 2008, als ich während des Elfmeterschießens machtlos im Mittelkreis stand. Zu wissen, dass nur noch dieser eine Elfmeter von John Terry reingehen muss, damit du endlich den Pokal hast – und dann schießt er an den Pfosten. Da habe ich wirklich gedacht, vielleicht hat der da oben etwas dagegen, dass ich das Ding in den Händen halte.  

Was finden Sie schlimmer: die Champions League nicht gewonnen zu haben oder nie Weltmeister geworden zu sein?
Ballack: Ideell hat der Weltmeistertitel eine viel größere Bedeutung, weil eine Weltmeisterschaft nur alle vier Jahre stattfindet. Die Weltmeister kann man problemlos bis 1954 runterbeten, aber ich könnte aus dem Stegreif nicht sagen, wer 2003, 2004 oder 2005 die Champions League gewonnen hat. Dadurch, dass der Wettbewerb Jahr für Jahr läuft, ist er ein bisschen austauschbarer. Sportlich sieht es natürlich etwas anders aus, da hat die Champions League ein größeres Gewicht, weil dort die Besten der Besten spielen. Man muss in einer Champions-League-Saison mehr Topmannschaften aus dem Weg räumen als bei einer WM. Letztlich kann man die Frage nur persönlich beantworten.  

Und das fiele in Ihrem Fall wie aus?
Ballack: Weltmeister ist für mich der größere Titel, aber den Champions-League-Pokal hätte ich eher verdient gehabt. Ich stand zwar 2002 auch in einem WM-Finale, aber bis auf das Endspiel haben wir damals nicht den attraktivsten Fußball gespielt. Und es war vorher auch nicht im Ansatz zu erwarten gewesen, dass wir dort Weltmeister werden.

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