Leverkusens Stefan Kießling über den starken BVB, eigene Ansprüche und Ungeduld in der Nationalelf.

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Angriff: Stefan Kießling (Bayer Leverkusen)

Angriff: Stefan Kießling (Bayer Leverkusen)

dpa / Reuters

Angriff: Stefan Kießling (Bayer Leverkusen)

Herr Kießling, haben Sie sich schon mal gefragt, was Dortmund mit einer ähnlich jungen und talentierten Mannschaft wie Leverkusen besser macht?

Kießling: Der BVB funktioniert als Mannschaft sehr gut. Jeder läuft für jeden, das Laufpensum ist Wahnsinn. Das merkt man. Du bist im Angriff, und – zack – sind schon wieder acht Spieler von denen hinter dem Ball. Schwierig, da eine Lösung zu finden.

Und wenn sie den Ball erobern, marschieren alle nach vorne. Wir müssen uns an die eigene Nase fassen, dass wir das nicht so gut hinbekommen. Obwohl wir es können. Aber das muss man von Spiel zu Spiel bringen – und nicht wie wir alle zwei Spiele raushauen.

Nervt diese über die Jahre auffallend konstante Labilität?

Kießling: Natürlich. Letztes Jahr haben wir über 25 Spiele eine phänomenale Serie hingelegt, haben die Liga mitbestimmt, wollten die Schale. Und dann kommen solche neun letzten Spiele dabei raus. Da denkst du dir: Das kann doch nicht sein. So war es jetzt auch gegen Dortmund, wo wir einfach nicht da waren. An unserer Bank gegen Dortmund sieht man unsere Qualität im Kader. Wenn es nur mal alle umsetzen würden.

Arbeiten Sie, arbeitet das Team auch im psychologischen Bereich, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken?

Kießling: Der eine oder andere Spieler macht das, ich habe das auch schon gemacht. Leistungssport geht schon ziemlich an die Nerven, da ist es einfach mal gut, mit jemandem zu reden, dem man sagt, was einen stört oder was gut getan hat.

Unabhängig davon, ob man das seiner Freundin oder Freunden erzählt. Das kann zwei, drei Prozent rausholen. Wenn es aber um Entspannungsübungen geht, dann sage ich: Das brauche ich nicht.

Kann diese fehlende Konstanz auch etwas mit Atmosphäre im Klub zu tun haben? Spüren die Spieler zu wenig Druck?

Kießling: Nein. Auch von uns wird viel erwartet. Aber es müssen jetzt einfach mal bei allen Investitionen Titel her. Da müssen wir uns auch selbst Druck aufbauen. Zunächst wollen wir wieder in der Champions League spielen.

Das ist das Ziel, unabhängig vom Dortmund-Spiel. Das ist machbar. Aber wir müssen uns zusammenreißen. Sonst stehst du am Ende auf Platz vier und sagst: Was hast Du jetzt wieder gemacht?

Wenn Stefan Kießling fit ist, spielt er auch. Stimmt?

Kießling: Das würde ich bei aller Konkurrenz so sagen. Ich habe ja auch gegen Dortmund wieder gespielt. Ich habe mich Jahr für Jahr verbessert.

„Ich würde gerne mehr Einsatzzeiten haben. Ich akzeptiere das, aber dass es nicht leicht ist, ist auch klar.“

Stefan Kießling über seine Rolle in der Nationalelf

Sturmkollege Patrick Helmes schwächelt, scheint von Wolfsburg umworben zu sein. Was ist mit ihm los?

Kießling: In der Vorbereitung habe nicht nur ich ihn gut gesehen. Die Spekulationen um Wolfsburg in den Medien spielen vielleicht eine Rolle. Er liest das ja auch in den Zeitungen. Ich glaube aber nicht, dass er gehen wird.

Dann wäre die Decke im Sturm auch ein bisschen dünn.

Kießling: Ich bin ja auch in der Vorrunde ausgefallen, und die Jungs haben das super gemacht und mit einer Spitze gespielt. Es gibt immer Möglichkeiten.

Wann kehrt Michael Ballack zurück?

Kießling: Drei Spiele haben wir beiden bei Bayer bislang zusammen geschafft. Ich hoffe, dass er bald bei hundert Prozent ist. In dem Fall hätte er gegen Dortmund in gewissen Situationen vielleicht ein Zeichen setzen können. Er kann eine Mannschaft mitreißen.

Wird der Trainer Heynckes Ihr Trainer bleiben? Bislang ziert er sich, den Vertrag zu verlängern.

Kießling: Ich bin ein großer Fürsprecher, ich hoffe noch auf ein oder zwei Jahre mit ihm. Obwohl das alles sehr anstrengend ist, der Job und die Reisen durch Europa schlauchen. Aber ich glaube, dass er bleibt.

In der Nationalmannschaft wurden sie bislang eher stiefmütterlich behandelt. Welche Perspektive sehen Sie bei Joachim Löw?

Kießling: Ich war nach der WM einmal dabei am Doppelspieltag, saß ein Mal auf der Tribüne und ein Mal auf der Bank. Das ist natürlich nicht schön. Ich würde gerne mehr Einsatzzeiten haben. Ich akzeptiere das, aber dass es nicht einfach ist, ist auch klar.

Nach der EM 2012 hört Miroslav Klose voraussichtlich auf.

Kießling: Das sind nochmal eineinhalb Jahre Warten. Dann bin ich ja schon fast so alt wie Klose jetzt (lacht).

Ihr Vertrag läuft bis 2015. Was muss passieren, damit Sie in Leverkusen nicht alt werden?

Kießling: Ich weiß, was ich hier habe. Ich hätte auch schon zu Rubin Kasan oder zum AC Mailand wechseln können. Aber da stimmt das Paket für mich einfach nicht. Milan ist ein großer Verein, aber da kann ich mich nicht so wohl fühlen, bin da nicht der Typ dafür. Hier kenne ich vom Zeugwart bis zum Holzhäuser (Geschäftsführer, Anm. der Red.) jeden. Das brauche ich. Trotzdem schließe ich nichts aus.

Wo wollen Sie nach der Karriere leben?

Kießling: Ich denke hier. Wir haben uns jetzt was Schönes gebaut. Und vielleicht hat der Verein ja auch noch nach der Karriere etwas mit mir vor.

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