Interview mit dem Migrationsforscher Professor Heinz Reinders

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Professor Heinz Reinders ist Migrationsforscher an der Uni Würzburg.

Professor Heinz Reinders ist Migrationsforscher an der Uni Würzburg.

Universität Würzburg

Professor Heinz Reinders ist Migrationsforscher an der Uni Würzburg.

Düsseldorf. Sami Khedira hat tunesische Wurzeln, Mesut Özil türkische, Lukas Podolski polnische und Cacau stammt aus Brasilien: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist eine Multi-Kulti-Elf. Vor dem EM-Qualifikationsspiel des DFB-Teams gegen die Türkei am Freitag sprachen wir mit dem Migrationsforscher Professor Heinz Reinders von der Uni Würzburg über Vorbilder und Sport als Integrationsmittel.

Herr Reinders, als Migrationsforscher befassen Sie sich beruflich mit dem Thema Integration. Als Jugendtrainer in einem Fußballklub haben Sie auch in der Freizeit Einblicke in das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Wie kann der Sport helfen?

Heinz Reinders: Kinder mit Migrationshintergrund gehören in der Schule statistisch gesehen nicht zur leistungsstärksten Gruppe. Deshalb ist es wichtig für sie, dass sie in Sport und im Verein Erfolge feiern können. Dort gehen sie freiwillig hin, dort warten in der Regel keine Sanktionen wie bei Eltern oder Lehrern. Im Verein spielt die Herkunft keine Rolle, die Kindern können im Sport ihr Selbstbewusstsein steigern.

Fußball-Profis sind Vorbilder. Wird da unterschieden nach Herkunft?

Reinders: Wir haben 2008 Kinder danach gefragt, wer die beliebtesten Fußballer sind. Das Ergebnis war deutungsgleich mit der medialen Präsenz: Michael Ballack, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski. Diese Trikots wollen sie anziehen, in diese Rolle wollen sie schlüpfen. Kaum einer will Arne Friedrich sein. Heute sind Mesut Özil oder Sami Khedira angesagt. Das zeigt: Die Herkunft spielt keine Rolle.

Während der WM wurde die deutsche Nationalmannschaft als Multi-Kulti-Truppe gefeiert. Ist sie tatsächlich ein gelungenes Beispiel für Integration?

Reinders: Es gibt ja keine Herkunftsquote in der Nationalmannschaft. Entscheidend für eine Nominierung ist allein die Qualität des Spielers. So ist es eher eine Nebenwirkung, dass derzeit die Zusammensetzung des Nationalteams das Herkunftsgefüge in diesem Land widerspiegelt, in dem 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben.

Was macht eine gute Integration aus?

Reinders: Das ist im Wesentlichen die Balance zwischen Herkunfts- und Aufnahmekultur. Der Deutsch-Brasilianer Cacau wurde dieser Tage als Integrationsbeauftragter des DFB vorgestellt.

Was kann er bewirken?

Reinders: Spannender als eine Integrationsfigur finde ich die Normalität. Sehen Sie, wenn ich eine Frau zu einer Frauenbeauftragten mache, dann schafft allein das schon Differenz. Wenn der DFB jetzt einen Spieler mit Migrationshintergrund als Integrationsbeauftragten benennt, ist mir das zu viel der Symbolik. Wichtiger finde ich es, Trainer mit Migrationshintergrund für die Jugendförderung zu gewinnen.

Ich kann nicht wissen, wie sich ein dreijähriger Albaner fühlt, wenn er aus seinem Land gerissen wird und mit seinen Eltern in ein Aufnahmelager kommt. Beim SC Heuchelhof habe ich beispielsweise einen Co-Trainer, der Russlanddeutscher ist. Da hat man einen ganz anderen Zugang zu den Kindern und die Zusammenarbeit mit den Eltern funktioniert viel besser.

Aber Cacau will als Vorbild dafür gelten, dass Integration möglich ist und rät allen Ausländern, die Sprache zu lernen.

Reinders: Solche Aussagen sind wichtig, sie zeigen, dass Integration funktioniert. Was verdeckt wird: Cacau hat es geschafft, weil er ein überdurchschnittliches Talent besitzt. Nicht alle können so gut Fußball spielen wie er.

Den Deutschen droht gegen die Türkei in Berlin ein Heimspiel. Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken?

Reinders: In Deutschland leben rund 2,7 Millionen Türken. Begonnen hat die Einwanderung in den 50er und 60er Jahren mit der Anwerbung von Gastarbeitern. Damit verbunden war ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung in Deutschland. Was politisch nicht bedacht wurde: Die Menschen haben nicht nur ihre Arbeitskraft mitgebracht, sondern auch ihre Kultur, ihre Lebenseinstellung. Deutschland hat sich 40 Jahre nicht als Einwanderungsland begriffen.

Das Thema Integration sowie eine sachorientierte Debatte beispielsweise über das Verhältnis der Religionen wurden vernachlässigt. Das änderte sich erst nach den Terroranschlägen von 2001. Das Spiel in Berlin bietet viele spannende Aspekte. Viele Türken, die hier leben, besitzen ja eine Dualität, sind im Fußball Hybriden: Samstags ist ihr Bezugsrahmen Schalke, Hertha oder Dortmund, aber wenn ihre Nationalmannschaft spielt, schlägt das Herz heiß für die Türkei.

Was erwarten Sie von der Partie?

Reinders: Das wird ein Hexenkessel mit vielen Emotionen. Bei Kindern werden Bilder und Gesten haften bleiben: Wem gibt Nuri Sahin hinterher die Hand? Mit wem tauscht er das Trikot? Das zwischenmenschliche Verhalten ist nachhaltiger als das Aufsagen der FIFA-verordneten Vierzeiler durch die Spielführer.

Welche Spieler beeindrucken Sie?

Reinders: Es ist schon erstaunlich, mit welcher Ruhe und Gelassenheit Sami Khedira und Mesut Özil der Wechsel zu Real Madrid auf dem internationalen Marktplatz geglückt ist. Ein Günter Netzer in den 70er Jahren hat das viel mehr inszeniert. Beeindruckt bin ich auch von der Offenheit und Klarheit, mit der Gerald Asamoah sein Farbigsein und Anderssein öffentlich gemacht und trotz aller Ressentiments gegen ihn seine Lebenslust nicht verloren hat.

Wie bewertet der Migrationsforscher die Rivalität im Fußball zwischen Holländern und Deutschen und die plötzliche Liebe der Bayern-Fans zu Louis van Gaal?

Reinders: Wissen Sie, ich komme aus dem deutsch-holländischen Grenzland. Da gehörte es zur ganz normalen Rivalität, dass man sich nach einem Länderspiel am Grenzflüsschen Aa getroffen und eine Prügelei angezettelt hat. Im Fall des FC Bayern ist es einfach: Erfolg macht sexy.

Louis van Gaal hat schnell begriffen, welchen Ton er in München anschlagen muss. Der Spruch vom 'Feierbiest' ist sicher nicht aus einer Laune heraus entstanden, sondern war eine gezielte Imagekorrektur, nachdem man ihn vorher skeptisch als zu autoritär beäugt hatte. Bei Erfolg tritt die Herkunft in den Hintergrund oder ist gar ein Qualitätsmerkmal.

Dann ist vom holländischen Stil die Rede, den Ajax Amsterdam geprägt hat oder vom schnellen Kurzpassspiel aus der Schule des FC Barcelona.

Reinders: Richtig. Allerdings geht die Beurteilung bisweilen in die falsche Richtung. Kehren wir zu Cacau zurück: Ich finde es unglücklich, wenn der Kommentator sagt, dass Cacau das brasilianische Spiel beherrsche so als ob das genetisch bedingt sei. Ich nenne das eine positive Diskriminierung. Cacau hat natürlich ein enormes Talent, er könnte aber nicht so gut spielen, wenn er nicht erstklassig ausgebildet worden wäre.

Unter Präsident Theo Zwanziger hat der DFB gesellschaftspolitisch Stärke gezeigt und äußert immer wieder sich zu wichtigen Themen auch abseits des Platzes. Wie beurteilen Sie die Einmischung?

Reinders: Ehrlich gesagt, das kommt in der täglichen Arbeit bei den Vereinen nicht an. Trotzdem halte ich das Engagement beim DFB für authentisch. Ich erwarte sogar, dass ein Verband wie der DFB gesellschaftspolitische Verantwortung übernimmt. Der BFV und der BLSV haben ein Projekt gestartet mit dem Titel "Integration durch Sport". Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber man muss es eben machen. Dazu gibt es keine Alternative.

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