Der ehemalige Nationalstürmer Heiko Herrlich erzählt, wie er vor 14 Jahren mit der schockierenden Diagnose Hirntumor umging. Und wie er den Krebs besiegte.

Düsseldorf. In den 1990ern war Heiko Herrlich einer der besten deutschen Stürmer. Bis die Ärzte einen Hirntumor bei ihm diagnostizierten – und sich sein Leben radikal veränderte.

Herr Herrlich, im Herbst 2000 wurde bei Ihnen ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Welche Rolle spielte der Fußball in dieser Zeit?

Heiko Herrlich: Gar keine. Von da an ging es für mich nur darum zu überleben.

Wie haben Sie auf die Diagnose reagiert?

Herrlich: Nach dem ersten Schock sagte ich zu meinem Arzt: „Ein Tumor? Dann lasst uns das Ding rausholen. Kopf auf, Kopf zu, fertig.“ Doch mein Arzt schaute betreten zu Boden und sagte: „Heiko, an der Stelle geht das nicht.“ Der Tumor saß an einer so ungünstigen Stelle, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit nach einer Operation schwerstbehindert gewesen wäre.

„Was mit mir passiert, liegt jetzt in Gottes Hand.“

Wie sind Sie damit umgegangen?

Herrlich: Ich konnte es zunächst nicht begreifen. Hatte ich nicht alles dafür getan, um nicht krank zu werden? Keinen Alkohol getrunken, keine Zigaretten geraucht, keine Drogen ausprobiert. Gesunde Ernährung, ein Leben als Hochleistungssportler. Warum passierte das nun ausgerechnet mir? Aber ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Ich weiß noch, was ich zu meiner Frau sagte: „Was mit mir passiert, liegt jetzt in Gottes Hand.“

Sie konnten zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, wie lange Sie noch zu leben hatten. Gab es Dinge, die Sie unbedingt erledigen wollten?

Herrlich: Das war einer meiner ersten Gedanken: Dir bleibt vielleicht nicht mehr viel Zeit, also bring die Angelegenheiten ins Reine, die dich beschäftigen. Ich sprach mich mit meinen Brüdern aus. Und klärte gewisse Dinge mit meinen Eltern. Und dann war da die Geschichte mit einem Scout von Borussia Dortmund, die mir schwer zu schaffen machte.

Wie ging es weiter?

Herrlich: Die Verantwortlichen von Borussia Dortmund boten an, mir einen ruhigen Platz in den USA zu suchen, um mich dem Stress in der Heimat nicht aussetzen zu müssen. Aber ich wollte von Beginn an reinen Tisch machen. Also ging ich an die Öffentlichkeit. Der erhoffte Effekt trat ein. Die Neugier der Menschen war gestillt, man ließ mich in Ruhe.

Hat man sich nicht mehr für Sie interessiert?

Herrlich: Im Gegenteil: Ich bekam mehr als 2000 Karten und Briefe, viele Menschen sprachen mich auf der Straße an und wünschten mir Glück. Das hat mir gut getan. Dann hatte die Warterei ein Ende. Ich fuhr in eine Klinik nach Heidelberg. Und wurde ein zweites Mal untersucht.

Wie lief das ab?

Herrlich: Man führte eine Biopsie bei mir durch. Eine lange Nadel, die ins Gehirn vordringt. Wäre dabei ein Gefäß beschädigt worden, wäre ich verblutet. Das Ergebnis war krass, in vielerlei Hinsicht: Der Tumor war zwar bösartig und für einen Europäer in meinem Alter auch extrem selten. Aber sehr gut zu behandeln. In den Worten meines Arztes: „Dieser Tumor schmilzt unter Bestrahlung wie Butter.“ Außerdem blieb mir die Chemotherapie erspart. Das war die Gnade Gottes. Andere würden sagen: ein Sechser im Lotto. Ich hatte unglaubliches Glück.

Wie haben Sie die Strahlentherapie erlebt?

Herrlich: Ich habe mich vollkommen verschätzt. Ich quartierte mich in einem kliniknahen Hotel ein und nahm zur ersten Behandlung meine Laufsachen mit. Ich schaffte es gerade so zurück ins Hotel. Am zweiten Tag musste ich mich übergeben. Am dritten Tag bat ich um ein Zimmer in der Klinik. Die Behandlung hat mich komplett zerlegt.

Womit hatten Sie am meisten zu kämpfen?

Herrlich: Da kam so viel zusammen. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte man mir mit einem Hammer auf den Schädel geschlagen. Wie eine ständige Gehirnerschütterung. Ich nahm sieben Kilo ab. Ich konnte nichts mehr schmecken, nichts mehr riechen. Mir fielen die Haare aus. Jeden Tag ging wieder ein Stück Lebensqualität flöten. Ich fiel in eine schwere Depression. Ich wurde zum Hypochonder. Hatte ich irgendwo ein Zwicken, dachte ich: Mein Gott, jetzt hast du auch noch Leberkrebs! Ich war voll der Psycho. So ging das ein halbes Jahr lang. Die schlimmste Zeit meines Lebens.

Was hat Sie in dieser Zeit aufgeheitert?

Herrlich: Meine Frau war mit unserem ersten Kind schwanger. Die Vorfreude auf meine Tochter hat mich häufig aus den Löchern der Depression befreit. Wobei: Dass ich meiner Frau in dieser für Sie so anstrengenden Zeit keine Hilfe sein konnte, noch schlimmer, selbst ein Pflegefall war, bedaure ich bis heute. Eine Frau ist eben nur einmal schwanger mit dem ersten Kind.

Wann hatten Sie das Schlimmste überstanden?

Herrlich: Die Bestrahlung dauerte ein halbes Jahr. Ein Vierteljahr benötigte ich, um mich physisch und psychisch wieder einigermaßen zu erholen. Meine Tochter wurde geboren und der Tumor war tatsächlich geschmolzen, wie es mir die Ärzte prophezeit hatten. Von da an ging es wieder bergauf.

Am 15. September 2001 feierten Sie schließlich Ihr Comeback: Beim Derby gegen Schalke wurden Sie nach 77 Minuten eingewechselt. Wie befreiend war das?

Herrlich: Befreiend ist vielleicht das falsche Wort. Profifußball war für mich immer knallharte Maloche, meine Existenz. Auf dieses Comeback hatte ich hingearbeitet. Es war eine Genugtuung.

Überall, wo Sie in diesen Monaten auftauchten, empfingen Sie Fans beider Lager mit einem warmen Applaus.

Herrlich: Kurz nach der Bekanntgabe meines Wechsels von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund 1995 wurde ich von der „Bild“-Zeitung als geldgeiler Sack abgestempelt, in meinem ersten Jahr mit dem BVB wurde ich in jedem Stadion beschimpft. Obwohl ich mich meiner Meinung nach absolut korrekt verhalten hatte. Jetzt, nach meinem Comeback, bekam ich plötzlich landesweite Anerkennung für etwas, was ich selbst gar nicht beeinflusst hatte, sondern fähige Ärzte. Irgendwann gleicht sich alles wieder aus.

Sie beendeten 2004 Ihre Karriere. Sie wurden Trainer, gegenwärtig bei der U17 des FC Bayern. Haben Sie heute noch Angst vor dem Krebs?

Herrlich: Nein. Die letzte Untersuchung hatte ich vor drei Jahren. Ich bin vielleicht nicht mehr so unbekümmert wie vor der ersten Diagnose, aber das macht nichts. Ich habe vieles gewonnen durch die Krankheit. Vor allem die alltägliche Dankbarkeit dafür, wenn die Menschen um mich herum gesund sind. Alles andere ist ohnehin zweitrangig. Ich war Champions-League-Sieger, Weltpokalsieger, Nationalspieler, Fußballprofi mit einem gut gefüllten Konto. Dann wurde ich krank und wollte nur noch überleben.

Das haben Sie zum Glück geschafft.

Herrlich: Und deshalb darf ich mich in meinem Leben über mangelndes Glück eigentlich nie wieder beschweren.

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