Nach den Medaillen von Hongkong kehrte für die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt schnell wieder Normalität ein.

Rheinberg. Wenn Isabell Werth gefragt wird, ob sich ihr Leben nach den Olympischen Reiterspielen in Hongkong verändert hat, dann muss sie lächeln. "Nicht im geringsten", sagt sie schließlich. Natürlich habe es in den Wochen danach noch einige Termine mehr als normalerweise gegeben, aber ansonsten sei eigentlich alles wie vorher. Was schon ein wenig verwundert. Immerhin stand die 39-Jährige, die in Hongkong gemeinsam mit Heike Kemmer und Nadine Capellmann Gold im Mannschafts-Wettbewerb gewann und zudem im Einzel Silber hinter ihrer holländischen Dauerrivalin Anky van Grunsven holte, bereits zum fünften Mal bei Olympischen Spielen auf dem höchsten Treppchen. Sie untermauerte damit eindrucksvoll ihren Ruf als erfolgreichste Dressurreiterin der Gegenwart.

Nur ein Kurzurlaub nach dem Wettkampf

Während einige deutsche Goldmedaillengewinner nach Olympia herumgereicht wurden und quasi von einem Fernsehstudio in das nächste hasteten, gehört Isabell Werth zu denjenigen, die der Alltag schnell wieder einholte. Nicht einmal einen Kurzurlaub hat sie sich nach den aufregenden August-Tagen gegönnt, stattdessen jede Menge Turniere besucht und vor allem den eigenen Turnierstall gemanagt. "Ich bin Profi. Und als solcher muss ich sehen, dass der Laden läuft", sagt die Reiterin. Die Frage, ob sie nicht ein wenig neidisch sei, wenn sie sehe, wie beispielsweise eine Britta Steffen hofiert werde, nötigt ihr nur ein Schmunzeln ab: "Das habe ich doch alles schon vor 16Jahren gehabt."

Damals, man schrieb das Jahr 1992, gewann sie als 23-jähriger Jungspund in Barcelona ihre erste Goldmedaille. "Danach war ich plötzlich eine gefragte Frau", erinnert sie sich. Es hagelte förmlich Einladungen, selbst die Modebranche wurde vorstellig. Isabell Werth hat diese Zeit genossen, irgendwann aber auch festgestellt, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt. Und sie hat die Konsequenzen gezogen.

Heute wägt sie genau ab, welche Einladungen sie annimmt und welche sie ablehnt. Für einen guten Zweck beispielsweise ist sie immer bereit, mal eine Trainingseinheit sausen zu lassen. Wenn es dagegen nur darum geht, sich bestaunen zu lassen, dann passt die Reiterin. "Dafür habe ich einfach keine Zeit", sagt sie.

Immerhin stehen rund 20Pferde im eigenen Turnierstall. Und die wollen regelmäßig bewegt werden. Da hat der Tag leicht auch mal 14 oder 16 Arbeitsstunden. Wenn Isabell Werth auf Hongkong zurückblickt, dann tut sie das mit Stolz. "Dass wir mit der Mannschaft den Angriff der starken Holländer abwehren konnten, war im Vorfeld nicht unbedingt zu erwarten. Eigentlich war unser Sieg sogar eine Überraschung", sagt sie im Rückblick.

Was ist aus den Olympiasiegern von 2008 geworden? Aus Britta Steffen, Britta Heidemann, Matthias Steiner und den anderen? Wir präsentieren die Helden Olympias in einer Serie, heute die Dressurreiterin Isabell Werth.

Die am 21. Juli 1969 in Sevelen im Rheinland geborene Isabell Werth hat seit 20 Jahren zahlreiche internationale Medaillen gewonnen, darunter fünf olympische Goldmedaillen und sechs Weltmeistertitel. Bei den Spielen in Hongkong holte sie auf Satchmo Gold mit der Mannschaft und Silber im Einzelwettbewerb.

Dass es im Einzel statt Silber auch Gold hätte werden können, ist für sie schon lange kein Thema mehr. "Natürlich habe ich mich im ersten Augenblick über den Blackout von Satchmo geärgert. Im Nachhinein aber überwiegt ganz eindeutig die Freude darüber, überhaupt eine Medaille abbekommen zu haben." Und noch etwas sagt sie in diesem Zusammenhang: "Das Pferd ist eben kein Sportgerät, sondern ein Partner. Und der kann Fehler machen, genau wie ich." Das ist eine Einstellung, die der Reiterin zur Ehre gereicht. Und die beweist, dass Isabell Werth nicht nur erfolgreich, sondern auch ein absolutes Vorbild ist.

Noch kein Gedanke an den sportlichen Ruhestand

Sie selbst freilich will das nicht herausgestellt wissen. Das entspricht nicht ihrem Naturell. Glänzen will sie nicht bei Fernsehauftritten, sondern im Dressur-Viereck. Und da hat sie in den nächsten Jahren noch einiges vor. Immerhin hat sie mit Satchmo und Warum nicht, den sie selbst Hannes nennt, nicht nur zwei absolute Spitzenpferde unter dem Sattel. In ihrem Stall in Rheinberg stehen auch einige hoffnungsvolle Nachwuchspferde. "Wenn ich mit ihnen arbeite, dann ist das für mich wie Urlaub", sagt die 39-Jährige und verspricht, auch in Zukunft noch regelmäßig Wert(h)arbeit abzuliefern.

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