Bedrohlich
Bundestrainer Frank Mantek musste auch die Absage von Matthias Steiner (l) verkraften. Foto: Anatoli Maltsew

Bundestrainer Frank Mantek musste auch die Absage von Matthias Steiner (l) verkraften. Foto: Anatoli Maltsew

dpa

Bundestrainer Frank Mantek musste auch die Absage von Matthias Steiner (l) verkraften. Foto: Anatoli Maltsew

Paris (dpa) - Die deutschen Gewichtheber stehen vor der dramatischsten Situation ihrer olympischen Geschichte. Die Schwerathleten laufen Gefahr, bei den Olympischen Spielen in London mit lediglich einem Mann oder im schlimmsten Fall gar nicht vertreten zu sein. Das gab es noch nie.

Ursache ist das enorme Verletzungspech, das den Bundesverband Deutscher Gewichtheber (BVDG) heimgesucht hat. Jetzt fährt nur noch ein Rumpfteam zu den Weltmeisterschaften nach Paris, um Olympia-Punkte zu sammeln. «Die Lage ist total unbefriedigend. Ich bin zuerst wie ein angeschlagener Boxer getaumelt, der eine auf die Zwölf gekriegt hat», bekennt Bundestrainer Frank Mantek. «Ich bin sprach- und ratlos», stöhnt Präsident Claus Umbach.

Erst hatte Olympiasieger Matthias Steiner seinen Start bei den im Pariser Disneyland beginnenden Wettkämpfen wegen einer schweren Knieverletzung abgesagt, dann folgten der ehemalige Europameister Jürgen Spieß und der diesjährige EM-Sechste André Winter. «Über 50 Prozent der Mannschaft fallen aus», klagt Mantek. Jetzt sind drei der sechs Heber WM-Debütanten: Robby Behm, Alexej Prochorow und Simon Brandhuber.

Während das Frauen-Team mit der Olympia-Siebten Julia Rohde zuversichtlich ist, seine zwei Startplätze für London halten zu können, schrillt bei den Männern die Alarmglocke. Über die Vergabe der London-Fahrkarten entscheiden die Weltmeisterschaften 2010 und 2011. Seit den Titelkämpfen 2010 in Istanbul mit Steiner als Vizeweltmeister haben die Deutschen 55 Punkte auf dem Konto und hätten so drei Athleten stellen dürfen. Doch nun folgt Teil zwei ohne Steiner, der in Istanbul allein 25 Zähler geholt hatte. «Realistisch betrachtet, werden wir die drei Plätze verlieren», sagt Mantek.

Die Deutschen nehmen derzeit Rang 23 ein und schrammen damit am Nichts. Denn ab Platz 25 darf nicht mal mehr ein Olympia-Starter gestellt werden. Dann gibt es nur noch die Möglichkeit, bei der nächsten EM im April 2012 in Antalya einen Startplatz zu ergattern. Klappt auch das nicht, hilft nur noch das große Herz des Weltverbandes, der Wildcards verteilt. Als WM-Zweiter 2010 wäre Steiner eine Top-Adresse - wenn er denn fit wird. «Alles Jammern hilft doch nicht. Wenn wir jetzt vor Sorgen nicht mehr schlafen, bringt das auch nichts», sagt Mantek. «Jetzt müssen wir kämpfen.»

Die Frauen sind dagegen in einer komfortablen Situation. Sie haben nach der Hälfte der Olympia-Qualifikation 56 Punkte gesammelt und liegen auf Platz 19. Nationen auf den Rängen 17 bis 21 dürfen zwei Athletinnen nach London schicken. So viele deutsche Heberinnen gab es bei Olympia noch nie. In Paris schickt Frauen-Bundestrainer Thomas Faselt sieben Athletinnen an den Start, doch nur vier dürfen Olympia-Punkte sammeln. Faselt: «Wenn wir die zwei Plätze behalten, machen wir ein Fass auf.»

Das deutsche Aufgebot: Männer: Almir Velagic (Speyer/Klasse über 105 kg), Alexej Prochorow (Baunatal/über 105 kg), Robby Behm (bis 105 kg), Tom Schwarzbach (beide Chemnitz/bis 85 kg), Jakob Neufeld (Obrigheim/bis 77 kg), Simon Brandhuber (Roding/bis 69 kg)

Frauen: Julia Rohde (Görlitz/bis 53 kg)*, Christin Ulrich (Ladenburg)*, Sabine Kusterer (Durlach/beide bis 58 kg), Anett Goppold (Eibau/bis 69 kg), Yvonne Kranz (Suhl)*, Mandy Wedow (Neuhardenberg/beide bis 75 kg)*, Kathleen Schöppe (Chemnitz/über 75 kg) - * Olympia-Qualifikanten

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