Per Mertesacker
Per Mertesacker trat unmittelbar nach dem WM-Titel 2014 aus dem DFB-Team zurück. Foto: Peter Steffen

Per Mertesacker trat unmittelbar nach dem WM-Titel 2014 aus dem DFB-Team zurück. Foto: Peter Steffen

dpa

Per Mertesacker trat unmittelbar nach dem WM-Titel 2014 aus dem DFB-Team zurück. Foto: Peter Steffen

Hannover (dpa) - Per Mertesacker hat einen feinen Sinn für Humor - und für Selbstironie.

«Der beste Fußballer aller Zeiten wird vielleicht nie Weltmeister werden. Dafür läuft ein langer Schlaks, der besser beim Schwimmen gelandet wäre, mit goldenem Pokal in der Hand aus dem Maracanã. Kann alles passieren», schreibt der 1,99 Meter große Mertesacker in seiner Autobiografie «Weltmeister ohne Talent» über sich selbst. Vom TSV Pattensen zum FC Arsenal, vom unbegabten Jugendlichen zum 104-maligen Nationalspieler: Das ist die Laufbahn des Mannes, der nach Ende seiner Profikarriere in diesem Sommer nun jungen Talenten in London Werte statt Gigantismus vermitteln möchte.

Mertesacker leitet ab 1. September die Nachwuchs-Akademie des FC Arsenal. Der 33-Jährige schafft damit den direkten Sprung vom Spieler zum Funktionär und will nach seinen kontrovers diskutierten Aussagen über immensen Druck im Fußball nun selbst zu einem Vorbild werden. «Wer mich kennt, der weiß, dass ich da kein Blatt vor den Mund nehme. Es ist eine große Aufgabe. Ich habe ein großes Bedürfnis, auch etwas zurückzugeben», kündigte Mertesacker an. Der Weltmeister von 2014 hatte offengelegt, dass Brechreiz und Durchfall bei ihm vor großen Spielen Normalität waren. Dass er diese Schwäche freiwillig der Öffentlichkeit präsentierte, soll der nächsten Generation helfen.

«The Big Fucking German», wie der Deutsche in seiner Wahlheimat liebevoll genannt wird, kann aber nicht nur auf dem Rasen glänzen. Im Fußballstadion seiner Heimatstadt Hannover sitzt er am Pfingstmontag vor über 500 Zuschauern auf einer Bühne, liest aus seinem Buch vor und referiert über Druck, Herausforderungen und die schönen Seiten des Fußballs. «Mein größtes Talent war für mich mentale Härte, auch wenn ich immer wieder erlebt habe, wie sehr das gebrodelt hat. In vielen Situationen hat man es trotzdem besiegt und ich konnte immer wieder Leistung bringen», schilderte Mertesacker im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Die Voraussetzungen für eine große Karriere waren bei dem Abwehrriesen eigentlich nicht gegeben. Zu langsam, zu ungelenk und technisch nicht stark genug, hieß es in seinen Jugendjahren. Doch der Niedersachse überzeugte Kritiker eines besseren, schaffte es von Pattensen über Hannover und Bremen bis in die Premier League. Im Nationalteam war er zehn Jahre lang fester Bestandteil und trat nach dem Triumph von Rio ab. «Wichtig war auch mein Vater, der gesagt hat: Jetzt hast du ein Länderspiel mehr als Franz Beckenbauer, jetzt kannst du aufhören», scherzte der Weltmeister.

Die Zweifel an ihm als Fußballer begleiteten «Merte» bis nach London. Der britische Boulevard attestierte dem Abwehrrecken schnell «die Mobilität eines kaputten Liegestuhls», doch sein langjähriger Coach Arsène Wenger, der nun gleichzeitig mit Mertesacker Abschied nimmt, hielt an ihm fest. «Du bist intelligent, du lernst aus deinen Fehlern», sagte der Franzose zu seinem deutschen Schützling. Bei den Gunners ist Mertesacker auf dem Weg zu einer Legende, mit seiner Frau, einer ehemaligen Handball-Nationalspielerin, und seinen zwei Kindern ist er in London längst heimisch geworden.

Bei der WM in Brasilien hatte der Abwehrspieler noch einmal für Schlagzeilen gesorgt. Mertesacker zürnte nach dem 2:1 gegen Algerien einen TV-Reporter an und kündigte an, «sich drei Tage in die Eistonne zu legen» zu wollen. Aus dieser fand er nicht mehr heraus, im folgenden Viertelfinale fand sich Mertesacker auf der Bank wieder. «Als ich aus dem Team genommen wurde, hatte ich eine schlaflose Nacht. Das habe ich vorher selten erlebt», erzählte er. Den goldenen Pott holte er trotzdem.

Mertesacker gilt als selbstbestimmt und reflektiert. Anders als bei einigen seiner DFB-Kollegen rieselte sein Rücktritt aus dem Nationalteam nicht tröpfchenweise durch, er erklärte ihn selbst in einem Interview in der «Süddeutschen Zeitung». Kritik und Angriffe beantwortet er gerne subtil, wie auch die von Lothar Matthäus zu seinen Äußerungen rund um den gestiegenen Druck im Profifußball. «Von ihm konnte ich nicht erwarten, dass er mich versteht», sagte Mertesacker. Das Publikum bei seiner Buchvorstellung applaudierte.

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