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Bundestrainer Joachim Löw zeigt seinen Spielern während einer Trainingseinheit die Richtung.

Bundestrainer Joachim Löw zeigt seinen Spielern während einer Trainingseinheit die Richtung.

dpa

Bundestrainer Joachim Löw zeigt seinen Spielern während einer Trainingseinheit die Richtung.

Gelsenkirchen (dpa) - Joachim Löw ist längst auf die EM 2012 fokussiert. Die Basis für den großen Wurf ist geschaffen. Den Titelschlüssel muss er noch finden. Eine Kernfrage lautet: Funktioniert ein Özil-UND-Götze-System?

Auf diesen Luxus musste Löw bis zu seinem sechsten Amtsjahr warten. Der Bundestrainer kann Ausfälle wie Mario Gomez oder Sami Khedira locker verkraften, ein Ausnahmetalent wie Mario Götze ganz behutsam an höchste Aufgaben heranführen, einem Lieblingsspieler wie Lukas Podolski Druck machen und den Wettbewerb um die Stammplätze im Fußball-Nationalteam nach Herzenslust schüren. «Der Konkurrenzkampf ist in den letzten Monaten ausgeprägter geworden. Das war meine Zielvorstellung, das wollen wir fördern», kündigte Löw an.

Der 51-Jährige will möglichst schon beim EM-Turnier 2012 mehr als hochgelobte dritte (WM 2006, WM 2010) oder zweite Plätze (EM 2008) einfahren. «Priorität ist, dass wir uns weiterentwickeln, um beim nächsten Turnier Wichtiges zu erreichen», erklärte Löw vor dem EM-Qualifikationsspiel am Freitag in Gelsenkirchen gegen Österreich.

Fördern und fordern - nach diesem Motto verfährt Löw auf dem Weg zum Turnier in Polen und der Ukraine, bei dem Spaniens Siegeszug beendet werden soll. Die langjährigen Nationalspieler erleben einen Chef, der dabei noch zielstrebiger und konsequenter zu Werke geht. «Er hat seine klare Vorgaben, die er der Mannschaft ganz klar mitteilt. Wer da nicht mitzieht oder das nicht umsetzt, hat dann auch keine Chance», berichtete Abwehrchef Per Mertesacker.

Löw wolle den «maximalen Erfolg», ergänzte Vizekapitän Bastian Schweinsteiger. Der Konkurrenzkampf habe eine neue Qualität: «Es gibt 25 bis 30 Spieler, die zur Nationalmannschaft gehören und auf hohem internationalen Niveau spielen können.» Mertesacker spricht von «einer Luxussituation, wie ich sie noch nie erlebt habe».

Die Voraussetzungen sind geschaffen, um nach 16 titellosen Jahren seit dem EM-Erfolg von Klinsmann, Sammer & Co 1996 in England im nächsten Jahr die Sehnsucht nach dem Turniertriumph zu stillen. «Ich hoffe, dass wir die hohen Erwartungen umsetzen können. Jeder möchte unbedingt einen Titel holen», bekannte Schweinsteiger.

Auch Löw ist gefordert. Er hat das notwendige Spielermaterial - nun muss er den Titelschlüssel finden. Zur zentralen Frage wird die Besetzung des Mittelfeldes und damit die taktische Ausrichtung. Löw will «ein spielstarkes Mittelfeld mit drei variablen Leuten, die in der Lage sind, defensiv und offensiv gut zu arbeiten». Fünf Spitzenkräfte drängen sich für die drei Planstellen auf: Die bewährten WM-Kräfte Schweinsteiger, Özil und Khedira sowie Jungstar Götze und Toni Kroos, den Löw als «Verbindungsmann» zwischen der Sechser- und Zehnerposition bezeichnete.

Die Schlüsselfrage, die Löw beantworten muss, betrifft Özil und Götze. Und Löw möchte sie nicht mit Özil ODER Götze, sondern Özil UND Götze beantworten. Darum erprobt er zum bewährten 4-2-3-1-System mit zwei defensiven Mittelfeldmännern längst wie jüngst beim 3:2 gegen Brasilien das 4-1-4-1 mit zwei zentral offensiven Akteuren.

Denn Löw sieht Götze «dauerhaft im Zentrum», da, wo auch Özil am stärksten ist. «Da hat Götze alle Möglichkeiten, da hat er das Spiel in der Tiefe und der Breite vor sich. Mario ist ein Spieler, der außergewöhnliche Pässe spielen kann.» Auf den Außenbahnen möchte Löw «eher Spieler, die ständig tief und in die Schnittschnellen gehen», so wie Thomas Müller, Lukas Podolski oder André Schürrle.

Für Löw ist es keine Frage, dass Götze und Özil «hervorragend zusammenspielen können, auch wenn das in der Nationalmannschaft noch nicht so praktiziert worden ist». Im Ernstfall gegen Österreich wollte er dieses Experiment nicht von Anfang an wagen, auch weil er den 19-jährigen Dortmunder behutsam aufbauen möchte. «Mario Götze hat viele Spiele vor sich, jetzt auch in der Champions League. Es ist nicht ganz so einfach, in einer so kurzen Zeit so einen Sprung zu machen», mahnte der Bundestrainer.

Der Praxistest mit Özil und Götze wird kommen. Und wenn es dann in neun Monaten bei der EM ernst wird, entscheidet auch die Qualität des Gegners mit. «Es wird auch Spiele geben, wo man ein Stück defensiver spielen muss», betonte Schweinsteiger. Bis dahin will Löw die neue Qual der Wahl genießen: «Als Trainer ist man da sehr glücklich.»

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