Nachdenklich
Bundestrainer Joachim Löw hat seine Erkenntnisse aus der Niederlage gegen Frankreich gezogen. Foto: Julian Stratenschulte

Bundestrainer Joachim Löw hat seine Erkenntnisse aus der Niederlage gegen Frankreich gezogen. Foto: Julian Stratenschulte

Beim Tor von Malouda (r) machte die deutsche Abwehr keinen sicheren Eindruck. Foto: Julian Stratenschulte

Kapitän Miroslav Klose zeigt beim Spiel gegen Frankreich Nerven. Foto: Julian Stratenschulte

Cacau hat den Treffer für Deutschland erzielt. Foto: Carmen Jaspersen

Holger Badstuber (r) im Duell mit dem Franzosen Olivier Giroud. Foto: Julian Stratenschulte

Franck Ribery hält sich nach einem Pferdekuss durch Marco Reuss den Oberschenkel. Foto: Marcus Brandt

Mesut Özil (M) geht mit der deutschen Mannschaft geschlagen vom Platz. Foto: Carmen Jaspersen

dpa, Bild 1 von 7

Bundestrainer Joachim Löw hat seine Erkenntnisse aus der Niederlage gegen Frankreich gezogen. Foto: Julian Stratenschulte

Bremen (dpa) - Die Nationalspieler aus Dortmund und einige Münchner verließen den Ort der Niederlage noch in der Nacht. Als Joachim Löw am nächsten Morgen als einer der Letzten aus Bremen abreiste, war der Fehlstart ins EM-Jahr längst verarbeitet.

Das ernüchternde 1:2 gegen Frankreich hatte dem Bundestrainer wenig neue Erkenntnisse geliefert, aber manch fast vergessene Gewissheit wieder in Erinnerung gebracht. Der Weg zum ersehnten EM-Coup in Polen und der Ukraine wird für die hoffnungsvollen Titeljäger um Mesut Özil und Co. schwieriger als nach den letzten Fußball-Galas vielfach angenommen.

«Wir haben auch schon vor dem Spiel gewusst, dass wir uns in einigen Dingen natürlich noch verbessern müssen Richtung EM», sagte der DFB-Chefcoach. Von Panik war in Löws Gesichtszügen keine Spur. «Unabhängig von diesem Spiel oder dem Ergebnis: Die Dinge, die heute gesehen wurden, habe ich schon vorher gewusst. An diesen Dingen müssen wir arbeiten», sagte der 52-Jährige. Manches Defizit wurde vom Bundestrainer öffentlich angesprochen. «Ich denke, dass wir gerade in der Defensive einiges tun müssen Richtung EM», sagte Löw.

Auch bei den Nationalspielern wurde der missglückte Auftakt mit der ersten Niederlage seit elf Monaten sachlich eingeordnet. «Wir hätten als Mannschaft nicht unbedingt diesen Dämpfer gebraucht. Unabhängig von der Niederlage fahren wir mit einer Topmannschaft zum Turnier. Wir wissen aber auch, dass wir dort nichts geschenkt bekommen», sagte Toni Kroos. Ersatz-Kapitän Miroslav Klose, der zur Pause mit Knöchelproblemen raus musste, ist sich sogar sicher: «Wir haben eine sehr große Qualität im Kader, das wird sich bei der EM zeigen. Wenn es darauf ankommt, ist unsere Mannschaft da.»

Jetzt gilt für alle Profis zunächst die volle Konzentration dem Endspurt in Liga und Europapokal. In Mini-Vans reisten die Spieler aus Dortmund und ein großer Teil der Bayern-Profis (inklusive des angeschlagenen Franzosen Franck Ribéry) nach einem nächtlichen Mahl schnurstracks zu ihren Bundesliga-Teams.

Knapp 100 Tage bleiben Löw noch, dann müssen beim Auftaktspiel gegen Portugal am 9. Juni in Lwiw alle Unzulänglichkeiten behoben sein. Der Bundestrainer setzt dafür dank seiner Turnier-Erfahrungen von 2006 bis 2010 auf die unmittelbare Vorbereitung mit den Trainingslagern auf Sardinien und in Südfrankreich vom 11. bis 31. Mai. «Der Plan, der steht, auch wenn wir heute gewonnen hätten. Der Plan und die Inhalte stehen, das ist klar, das hängt nicht mit diesem einen Spiel zusammen», betonte Löw.

Größere Kaderbaustellen hat der 52-Jährige bis zur Nominierung Anfang Mai nicht mehr. 19 Spieler haben bei entsprechender Gesundheit ihr Ticket im 23-Mann-Kader sicher. Gesucht werden noch der dritte Torwart (Ron-Robert Zieler oder Marc-André ter Stegen), ein Backup für Kapitän Philipp Lahm als linker Außenverteidiger (Dennis Aogo oder Marcel Schmelzer), ein Ersatzkandidat für die Sechser-Position (Lars Bender, Sven Bender oder Simon Rolfes) und ein dritter Angreifer. (Cacau empfahl sich mit seinem Tor in der Nachspielzeit). Alle Anderen müssen auf ein unwahrscheinliches Last-Minute-Ticket hoffen.

Löw will in den kommenden Wochen nicht nur die Bundesliga intensiv beobachten. Mit seinem Stab wird er auch Spiele in Madrid, Rom und London verfolgen und besonders die Akteure der harten EM-Vorrundengegner aus Portugal, Holland und Dänemark inspizieren.

Ein halbes Dutzend gegen Frankreich fehlende Stammkräfte von Co-Kapitän Bastian Schweinsteiger bis Jungstar Mario Götze ließ Löw nicht als Ausrede für den deutlichen Leistungsabfall im Vergleich zum Holland-Test (3:0) im November gelten. Im Gegenteil. Der Bundestrainer hatte sogar freiwillig weiter getestet, um Spielern aus der zweiten Reihe wie Aogo oder Marco Reus dem bei der EM geforderte internationale Top-Niveau näher zu bringen. «Dann sehen sie mal, was so geleistet werden muss. Für einige war das mal wieder ein guter Gradmesser», sagte Löw.

Gerade Aogo, über dessen Seite beide Gegentore durch Olivier Giroud (21.) und Florent Malouda (69.) eingeleitet wurden, ist vom Niveau der Stammkraft Lahm zu weit entfernt. Der HSV-Profi bekam von Löw aber dennoch Schutz. «Letztendlich hat er viel Potenzial. Ich weiß, dass er noch mehr leisten kann», sagte Löw.

Das öffentliche, rapide gefallene Stimmungsbarometer ist dem Bundestrainer egal. «Manchmal ist die Euphorie zu überschwappend gewesen nach manchen Spielen. Ich glaube, unsere Basis ist gut», sagte Löw. Zugleich erinnerte der 52-Jährige an andere Auftaktpleiten in Turnier-Jahren, darunter das schmerzhafte 1:4 in Italien vor dem WM-Sommermärchen 2006. «Aber im März sind schon viele Dinge passiert bei uns in den letzten Jahren. Was im März passiert, ist für den Trainer nicht so ausschlaggebend.» Mut könnte Klose und Co. machen, dass auch die späteren Weltmeister 1990 ihre Jahrespremiere verloren hatten: Mit 1:2 gegen Frankreich.

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