Der Düsseldorferist Deutschlands ältester noch lebender Fußball-Nationalspieler. Ein Besuch.

Matthias Mauritz ist Deutschlands ältester noch lebender Fußball-Nationalspieler.
Matthias Mauritz ist Deutschlands ältester noch lebender Fußball-Nationalspieler.

Matthias Mauritz ist Deutschlands ältester noch lebender Fußball-Nationalspieler.

Arend

Matthias Mauritz ist Deutschlands ältester noch lebender Fußball-Nationalspieler.

Düsseldorf. Zum 90. Geburtstag war die Frau von der lokalen Zeitung da. Am nächsten Tag ist Marianne Mauritz (76) beim Blick in das Blatt ein bisschen aufgeschreckt. „Vorsicht“, habe ihr Mann zu ihr gesagt – so stand da geschrieben –, „denk’ daran, dass du mit einer Legende verheiratet bist.“

Matthias Mauritz lacht jetzt herzhaft. Weil sie so tut, als sei sie darüber pikiert. Und eigentlich doch nur darüber schmunzelt. Er strahlt an diesem nasskalten Tag im Düsseldorfer Rochusclub, wo die „Legende“ gerne hingeht. Dort, wo früher Boris Becker und John McEnroe um den World Team Cup stritten, ist es jetzt ruhig.

Genug Raum für die Geschichten von Matthias „Matthes“ Mauritz, der um die Ecke im Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg lebt. Gerade ist er 90 Jahre alt geworden, Mauritz ist der älteste noch lebende deutsche Nationalspieler. Mit einem einzigen Länderspiel, das ihm Sepp Herberger am 20. Mai 1959 in Hamburg gegen Polen geschenkt hat, als Mauritz schon 34 Jahre alt war. In diesem Alter hat kein anderer mehr debütiert, bis heute.

Historie, lange her. Jetzt trägt er die Brillantnadel von Fortuna Düsseldorf am Revers, hat er eigens für den Termin heute angesteckt. Auch, damit er lachend sagen kann, was sie ihm wohl zum 70. Jubiläum in wenigen Monaten noch geben wollen.

„Da gibt es doch gar nichts mehr“, sagt Mauritz und lacht. Eigentlich lacht er immer, faszinierend ist das. Wenn es eine rheinische Frohnatur gibt, dann sitzt sie jetzt hier. Mauritz, der Geschichtenerzähler. Mauritz, der Witzeerzähler. 70 hat er im Repertoire, manchmal geht er in Altersheime oder auf Geburtstage und erzählt sie. Und lacht nach jedem einzelnen, als habe er ihn gerade selbst zum ersten Mal gehört. Ansteckend ist das.

„Als er vor zwei Jahren seinen dritten Hinterwandinfarkt hatte“, erzählt seine Frau Marianne, „da war seine einzige Sorge, dass er seine Witze vergessen haben könnte.“ Hatte er aber nicht. Alle aufgeschrieben. Das sei ein Glück, sagt Matthes Mauritz und gibt einen zum Besten: „Die Kölner haben es doch gut. Die können hinfahren, wo sie wollen – überall ist es schöner als in Köln.“ Dann sagt er, dass sie sich über so etwas kaputtlachen, „die alten Leute“.

Kürzlich saß er wieder im Stadion. Fortuna. Was sonst. Mit Marianne, immer. „Ich muss sie ja mitnehmen, dabei versteht sie nichts vom Fußball“, sagt er. „Aber ich kann ja nicht mehr Auto fahren.“ Dann lacht er wieder, weil dieses Spiel mit Marianne so funktioniert. Zwei, die seit 53 Jahren verheiratet sind. Sie haben ein Hochzeitsbild mitgebracht. Ein schönes Paar. Eines, das zusammen so gut funktioniert, dass man neidisch werden könnte. Wenn er beim Bezahlsender Sky Fußball gucken will, muss sie für ihn einschalten. „Er interessiert sich nicht für Technik“, sagt sie.

Er redet, sie koordiniert. 30 Autogrammanfragen kommen jeden Monat, immer noch. Auch sein Verein Fortuna kümmert sich vermehrt um seine Tradition. Und Fortuna-Tradition ist ganz viel Matthes Mauritz. Die Marketingabteilung hat ihm Autogrammkarten gefertigt, er hat sie alle dabei. Mauritz im Fortuna-Dress, Mauritz im DFB-Dress, eine „Legendenkarte“.

Und immer stehen auf der Rückseite die Erfolge, als passe so ein Leben auf eine kleine Karte: Fußballer von 1945 bis 1960, 760 Spiele, immer für Fortuna. Das eine Länderspiel, Amateur-Pokalsiege, zwei Olympia-Teilnahmen 1952 in Helsinki und 1956 in Melbourne unter Herberger, weil Mauritz nie einen Vertrag bei Fortuna unterschrieben hatte. „Dann hätte ich wegen der Amateurbestimmungen kein Tennis mehr spielen können.“

Auch so eine Geschichte, denn eigentlich war er Tennisspieler, beste Platzierung: Elfter der deutschen Rangliste, später viermal Europameister und 21-mal Deutscher Seniorenmeister. Leichtathletik-Sprinter: 10,8 Sekunden auf 100 Meter. Hockeyspieler: Deutscher Jugendmeister und Jugendnationalspieler. Golfer mit Handicap 18. Ein Multitalent mit dem Ball. Der wohl das Wunder von Bern miterlebt hätte, wenn er eben doch nur Fußball gekonnt hätte. „Herberger hat mir später gesagt, ich wäre dabei gewesen, wenn ich mit dem Tennis aufgehört hätte. Aber das wollte ich nicht.“ Sagenhaft. Ob er es bereut hat? „Nein.“

Was soll man auch bereuen, wenn das Leben so oft auch Glück war? Dass er den Krieg an der Front überlebt hat. Acht Jungs seien sie gewesen, zusammen losgeschickt, „fünf davon sind gefallen“. Dass er zurückgekehrt ist und als Bäckermeister eine Bäckerei nach der nächsten eröffnen konnte. Deutschland, Wirtschaftswunderland. Dass er sein Kriegs-Notabitur auf einer Mädchenschule vervollständigen konnte („Die schönste Zeit in meinem Leben“). Dass er zum großen Fußball kam, obwohl er am Grafenberger Staufenplatz nur auf der Straße gekickt hatte.

´Schließlich entdeckte ihn der spätere DFB-Spielausschuss-Vorsitzende Hans Körfer, Mauritz erzielte in seinem ersten Spiel für Fortuna zwei Tore gegen eine englische Auswahl und zog das Trikot erst 759 Spiele später wieder aus. „1933 saß ich im Stadion und habe gesehen, wie Fortuna Deutscher Meister geworden ist. Und 1945 habe ich noch mit sieben der Meister zusammengespielt. Allen voran Paul Janes“, erzählt Mauritz. „Ein Idol, den habe ich gesiezt. Der hat uns im Spiel sagenhaft zusammengeschissen.“ Janes hielt Mauritz wegen des Siezens zunächst für einen „feinen Pinkel“: „Ich bin für dich der Paul.“

So gehen diese Geschichten weiter: Wie er für zwei Pfund Fleisch und zwei Abendessen bei Fortuna angefangen hat, wie er schließlich 320 D-Mark plus Prämien verdiente. Und am Ende jedes Spiels in seine Jacke schaute, ob ihm einer der Funktionäre nicht doch noch was dazugesteckt hatte. Oder die Geschichte mit Toni Turek: Fortuna reiste im Sommer 1954 für vier Wochen nach Amerika, Turek spielte stattdessen die WM in der Schweiz. „’Toni, was willste denn da’, haben wir gesagt“, erzählt Mauritz, „das wird doch ein Debakel.“ Und dann kam Turek als Weltmeister zurück.

Wie er dem FC Bayern 10.000 Mark zurückgegeben hat, weil er dann doch in Düsseldorf geblieben ist. Und dort 1961 ein Sportgeschäft eröffnet hat. Wie er Herberger den Fortuna-Masseur Erich Deuser empfohlen hat. 38 Jahre war Deuser beim DFB, unter Schön, unter Derwall. Und Adi Dassler (adidas), mit dem er 1952 bei Olympia war, hat er „ungewollt“ den amerikanischen Markt geöffnet. „Die US-Spieler haben bei mir die Schuhe gesehen, und ich habe denen gesagt, dass der Fabrikant zufällig zu unserem Stab gehört. So hat er mir die ersten Aufträge zu verdanken.“ Zu seinem Schaden war das später, als er das Sportgeschäft hatte, nicht.

Und jetzt? Wird Matthes Mauritz hier geehrt und dort gefeiert. Mit 90 ist alles glatt gezogen. Die Zahlen stehen, der fröhliche, kommunikative Charakter ist ein Geschenk. Kürzlich, als DFB-Präsident Wolfgang Niersbach im Düsseldorfer Ständehaus zu Gast war, hat Niersbach einen Blumenstrauß erhalten. Und hat den dann an Marianne Mauritz weitergereicht. „Für meine längste Freundin in Düsseldorf.“ Beide strahlen, als er das erzählt. Niersbach kennt er lange. Der DFB-Präsident hat seinerzeit die Stadionzeitung gemacht, Mauritz hat die Anzeigen besorgt. Zum 90. hat Niersbach einen langen Brief geschrieben, wieder Blumen. „Für meinen Freund.“

Sie reicht im Minutentakt die Bilder von damals dazu, er wundert sich und erzählt die passenden Geschichten. „Das habe ich auch lange nicht mehr gesehen“, sagt er dann. Und zu seiner Frau: „Wenn ich das so sehe, kann ich schon verstehen, dass du hinter mir her warst.“ Dann lacht er herzhaft. Und sie schmunzelt.

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