Sechs Jahre gibt es das Kosovo, doch die Anerkennung läuft schleppend. Das erste offizielle Länderspiel hat deshalb Bedeutung.

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Erinnerungsfoto von politischem Wert: Die Spieler aus Haiti und dem Kosovo vor dem ersten offiziellen Länderspiel.

Erinnerungsfoto von politischem Wert: Die Spieler aus Haiti und dem Kosovo vor dem ersten offiziellen Länderspiel.

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Erinnerungsfoto von politischem Wert: Die Spieler aus Haiti und dem Kosovo vor dem ersten offiziellen Länderspiel.

Mitrovica. „Eine Haiti-Flagge!“, ruft Alban. „Wäre es nicht großartig, wenn wir jetzt eine Haiti-Flagge hätten?“ Mit breiten Schritten geht er durch die Innenstadt von Mitrovica, und Alban Muja freut sich über seinen Einfall. Haiti, klar, ohne Gegner kannst du kein Fußballspiel machen, und noch gibt es auf der Welt nicht viele, die mit dem Kosovo spielen wollen. Haiti aber ist Gegner und Verbündeter zugleich, und hat damit das erste offizielle Fifa-Länderspiel des kleinen Balkanlandes ermöglicht, seit sechs Jahren erklärtermaßen unabhängig, aber noch kein Mitglied der internationalen Gemeinschaft, auch nicht im Fußball.

Serbien erkennt die Unabhängigkeit seiner alten Provinz nicht an

Alban ist ein glücklicher Kosovare mit Schiebermütze, Vollbart und buntem Halstüchlein. „Es ist nicht nur ein Fußballspiel“, sagt Alban. „Für uns ist das ein historisches Datum.“ Alban Muja, geboren am 10. September 1980 in Kosovska Mitrovica, ist einer der bekanntesten jungen Künstler seines jungen Landes, im Mai vergangenen Jahres hat ihm die Nationalgalerie in Pristina eine Einzelausstellung gewidmet. Seine Kunst erzählt viel vom Kosovo: Er hat die neun Jungen fotografiert, die alle den Vornamen Tonibler, benannt nach Großbritanniens ehemaligem Premier, albanische Version; Tony Blair wird hier als Retter verehrt, genau wie Bill Clinton, dem sie ein Denkmal gebaut haben in Pristina. Und eines seiner Werke zeigt die Ibar-Brücke, über die niemand mehr gehen will. „Sie verbindet nicht“, sagt er, „sie trennt.“ Die Brücke mit dem aufgeschütteten Erdwall mitten auf der Fahrbahn ist das Symbol geworden für Mitrovica, den Spielort, geteilt zwischen Albanern im Süden und Serben im Norden, und für den langen Weg, den das Kosovo noch vor sich hat.

Serbien erkennt die Unabhängigkeit seiner alten Provinz nicht an, Serbien hat Russland im Rücken, und Russland ist UN-Veto-Macht. Fifa-Mitglied werden kann aber nur, wer Mitglied in einer Konföderation ist. Und Uefa-Mitglied werden kann nur, wer Uno-Mitglied ist. So sind die Statuten. Deswegen wehen auch nur drei Flaggen an den vier Masten des alten Trepca-Stadions, die rote von Haiti, die blaue der Fifa und das gelbe Fair-Play-Banner.

Die blaue Fahne mit dem gelben Umriss des Kosovo nicht aufzuhängen, das war der Kompromiss.

Und dann geht das Feuerwerk los. Kaum ist der letzte Kanonenschlag verhallt, kommen die beiden Mannschaften auf den matschigen Platz gelaufen, die elf Kosovaren ganz in Weiß. „Es fühlt sich so an“, sagt Enis Alushi, „als würden nicht wir elf Fußball spielen, sondern die ganze Nation.“ Der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler des 1. FC Kaiserslautern kehrt heim. Wie Alban Muja ist er in Mitrovica geboren, am 22. Dezember 1985. Acht Jahre später brach er samt Familie nach Deutschland auf. Jetzt ist er zurückgekehrt, des Fußballs wegen. 17 000 Kosovaren beobachten ihn. Dabei ist das Spiel nicht mal hier, im Kosovo selbst, unumstritten. Es gebe nur eine Kombëtare, sagen manche, nur eine Nationalmannschaft, und das sei die albanische. Einige Fans sind lieber nach Tirana gefahren, wo Albanien am Abend gegen Malta spielt. „Albanien ist auch immer mein Team gewesen“, sagt Alban, „aber Kosovo als Mannschaft zu haben ist noch bewegender.“ Am Ende ist es vielleicht dieses torlose Unentschieden das korrekte Ergebnis. Sie haben ihren Willen gezeigt, sie haben die Leute begeistert, aber die Zukunft braucht Zeit. Sie müssen sich gedulden.

Der Text ist ein exklusiver Abdruck einer Reportage aus dem aktuellen Heft. Darin berichten die 11Freunde außerdem über den BVB-Star Henrikh Mkhitaryan, interviewen Sami Khedira und Roy Makaay und erzählen, wie aus einem belgischen Profi ein Pornostar wurde.

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