Er stand bislang jede EM-Qualifikationsminute auf dem Platz – und hat jetzt einen großen Traum.

Deutschland - Polen
Jérôme Boateng (rechts) könnte sich langfristig vorstellen Bastian Schweinsteiger (links) als Kapitän der Nationalmannschaft abzulösen.

Jérôme Boateng (rechts) könnte sich langfristig vorstellen Bastian Schweinsteiger (links) als Kapitän der Nationalmannschaft abzulösen.

Uwe Anspach

Jérôme Boateng (rechts) könnte sich langfristig vorstellen Bastian Schweinsteiger (links) als Kapitän der Nationalmannschaft abzulösen.

Frankfurt. 1,92 Meter groß, 90 Kilogramm schwer, Typ „Kleiderschrank“: Auf den ersten Blick sieht Jerome Boateng wahrlich furchteinflößend aus. Dabei ist der 27-Jährige doch ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse. Freundlich, höflich, zuvorkommend. Zumindest, wenn er nicht auf dem Fußballplatz steht.

Siebenmal über 90 Minuten

Aber dort befand sich der gebürtige Berliner zuletzt immer, wenn die deutsche Nationalmannschaft um EM-Qualifikationspunkte für 2016 kickte. Siebenmal tat sie das bislang, siebenmal absolvierte Boateng jeweils die gesamten 90 Minuten – als einziger Spieler des DFB. Bundestrainer Löw vertraut eben auf ihn. Er weiß, dass auf den kompromisslosen Innenverteidiger vom FC Bayern München in jeder Phase Verlass ist. Schon einst, beim großen WM-Finale 2014 gegen die Argentinier, hatte Boateng den Topwert an gewonnenen Zweikämpfen aufgewiesen (83 Prozent) – und jetzt, beim 3:1-Sieg gegen die Polen in Frankfurt, war´s wieder so (80).

Keine Frage, der 27-Jährige ist längst ein wahrer Leistungsträger im deutschen Team. Aber auch ein echter Führungsspieler? Er ist jedenfalls kein Sprücheklopfer. Keiner, der sich unnötig in den Vordergrund drängt („Herumschreien werde ich nie“). Wenn Boateng etwas sagt, überlegt er sich das gut. Und umso mehr Tragweite haben dann eben Sätze, wie er sie in den vergangenen Tagen äußerte. „Ich bin bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen“, erklärte er da, um gleich anschließend zu konkretisieren,was er damit meint: „Ja, es wäre für mich eine Riesenehre, als erster farbiger Spieler die Kapitänsbinde für Deutschland zu tragen. Mit Blick auf die Integration wäre das ein starkes Zeichen nach außen.“

Konkurrenz für Schweinsteiger?

Souverän wirkte er hierbei, ausgesprochen sachlich. So, wie man es von ihm sonst auf dem Fußballfeld gewohnt ist. Nein – natürlich denkt Boateng nicht im Traum daran, Bastian Schweinsteiger aktuell das Amt des DFB-Spielführers streitig machen zu wollen. „Momentan stellt sich diese Frage absolut nicht, auch in einem Jahr wird das nicht der Fall sein“, sagte der gebürtige Berliner sofort: „Nur irgendwann kann ich es mir eben schon vorstellen, als Kapitän zu fungieren.“ Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Weshalb er inzwischen zu einer festen Säule geworden ist, sowohl beim FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft? Der 27-Jährige überlegte kurz, schaute ein paar Sekunden nachdenklich durch seine Designerbrille. „Vielleicht, weil ich mich nicht mehr um so viele Sachen außerhalb des Platzes kümmere, sondern nur mehr um das Wesentliche“, so dann seine Antwort – verstärkt mit einem entschlossenen Blick.

                                                        Er kann auch locker sein

Na ja, zugegebenermaßen liebt er weiterhin RnB- sowie Rap-Musik. „Aber Sänger werde ich deswegen nicht gleich, höchstens unter der Dusche oder im Auto“ erklärte Boateng lachend – womit wir auch sofort bei seiner anderen Seite wären. Der Weltklasse-Innenverteidiger kann nämlich sehr wohl auch sehr locker sein, Späße machen. Alles zu seiner Zeit eben. Und aktuell steht zunächst die Vorbereitung auf das EM-Qualifikationsmatch am Montag in Schottland an. „Spätestens seit wir Weltmeister sind, ist jedes Spiel gegen uns für unsere Gegner das Spiel des Lebens. Jeder will uns schlagen“, hat Boateng beobachtet: „Und bei uns selbst ist dafür die Gier groß, weitere gute Turniere zu absolvieren.“

Ein Sieg jetzt in Glasgow, und die Qualifikation für die EM-Endrunde 2016 dürfte fast endgültig perfekt sein. „Job done“ (Arbeit erledigt), das postete der Defensivkünstler bereits am Freitagabend, unmittelbar nach dem Erfolg gegen die Polen,auf seiner Facebookseite – und Ähnliches würde er natürlich auch liebend gerne heute Abend nach dem Schlusspfiff tun. Er, der zuverlässige „Kleiderschrank“ mit dem Adler auf der Brust. Und noch ohne die Binde um den Arm.

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